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Sizilianischer Post-Corona-Blues

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#731
1903
2022
Sa
16:52
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Ich war mir absolut sicher: Corona ist einen Geisteskrankheit, und sie befällt vor allem die, welche sie nicht haben. Ich lag falsch. Gerade mal zwei Wochen nach der Freitestung aus meiner Corona-Infektion fällt das Atmen immernoch schwer. Ich breche auf die erste große Reise seit zwei Jahren auf und fliege erstmals mit Ryan Air nach Sizilien. Der Checkout ist ein wahres Meisterwerk überflüssiger „Angebote“.

Der Taxifahrer kassiert 50 € für elf Kilometer Fahrt ab Flughafen in die erste Unterkunft. Der Herbergsvater bestätigt daß der Preis überall der gleiche sei. Nix Mafia. Nur Putin. Läge an den Spritpreisen meinte der Fahrer. Sie liegen aktuell ca. 40 Cent unter den Deutschen.

Gleich am ersten Morgen kommt nach fünf Kilometer Fussmarsch zum Mietwagen die erste böse Überraschung. Es ist das erste mal daß ein Vermieter meine Kreditkarte nicht akzeptiert. Mein eigentlich günstiger kleiner Mietwagen steigt deswegen auf 60 € am Tag – ohne Vollversicherung wie ursprünglich geordert. Frustriert packe ich 65kg Kitematerial ein und fahre eine Stunde nach Lo Stagnone.

Endlose staubig-trostlose arme Dörfer reihen sich an kerzengerade Landstraßen. Selbst außerhalb der Dörfer gilt fast immer ein idiotisches Tempolimit von 50 km/h. Wie auf Sardinien hält sich absolut niemand daran. Doch hielten die Sarden wenigstens noch fünf Meter Abstand bei Tempo 90 so kleben dir die Sizilianer wirklich permanent lichthupend direkt im Kofferraum. 20 km/h zuviel kosten inclusive Bearbeitungsgebühr des Vermieters knapp 240 €. Ich vergesse wie ich eigentlich gerne fahren würde und übe mich in Yoga auf der Herdplatte.

Ein Wiener vermittelt mir ein kleines schönes Haus von einem lieben Opa sechs Kilometer oberhalb Lo Stagnone. Checkin, Material aufbauen und ab an die Lagune. Ich fahre gerne wild. Viele meiner unbefestigten Straßen definierten meine Beifahrer zitternd als „unbefahrbar“. Die Anfahrt an die Lagune toppt so einige meiner Pisten. Die zwei Kilometer Feldweg mit nach dem Winter bis zu 30 cm tiefen Löchern sind ein echtes Erlebnis – dürfen wohl aber aus Naturschutzgründen nicht verbessert werden.

Die Lagune von Lo Stagnone ist eigentlich riesig. Doch fast alle 15 Kiteschulen drängen sich auf gerade mal 700 m Küstenlinie. Jetzt in der Vorsaison ist alles easy, wenngleich sich manche Parkverbots-Schilder wie Selbstschussanlagen lesen. Vor der im April beginnenden Saison graut es mir schon jetzt etwas. Nach einem tödlichen Unfall 2021 gilt eine Helm- und Schwimmwesten-Pflicht. Letzteres wäre angeblich vernachlässigbar, und kontrollieren würde die Polizei wohl vor allem Richtung Nordende wenig bis gar nicht. Daß die fehlende Schwimmweste nicht trotzdem die offiziellen 200 € kostet wollte keiner garantieren.

Ich fahre zurück durch die menschenleeren Dörfer hinter den Salinen. In den kahlen Weinfeldern zappelt massig Plastikmüll in einer leichten Brise. In meinen Ohren formiert sich das Lied vom Tod. Sergio Leone winkt etwas gequält grinsend von einem ausgebleichten Plakat herab. Dann reitet John Wayne an einer Kreuzung unter ortstypische Missachtung der Vorrittsregeln ins nirgendwo vorüber. Nach dem vergeblichen Versuch die Klimaanlage zum beheizen der zwölf Grad kalten Unterkunft zu bewegen krieche ich unter vier Decken und schlafe erschöpft ein.

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