Der größte unabhängige deutsche Kitereisen-Blog - 285 Kitepots - 728 Reiseberichte.

Aus heiterem Himmel

Post
#379
0808
2011
Mo
23:46
Tag
1522
134 views

Wenn’s wohl irgendeine für jegliche Tumordiagnose treffende Beschreibung gibt, dann wohl die eine: „Aus heiterem Himmel.“ Insofern ist meine Diagnose „Hodentumor“ heute nichts ungewöhnliches. Erst dreht sich alles ein bisschen, wenn du von der Liege im abgedunkelten Ultraschallraum aufstehst. Du gehst rüber ins Arztzimmer. Der macht dir sofort einen Termin beim Urologen, schaut etwas betroffen und gibt dir dann noch eine paar erste Infos.

Ich hab Glück. Judith ist rein zufällig beim gleichen Arzt heute. Eben hatten wir noch über eine SMS von gestern Nacht gelacht. Ich zieh sie aus dem Wartezimmer. „Rauchen geht in Ordnung“ hatte der Arzt gesagt, also stecken wir uns zwei Kippen an. Ich schau nach oben. Sturmwolken zerreissen einen blauen Horizont. Noch bevor ich die Möglichkeit habe, auch nur ein kleines etwas zu begreifen, folgt der erste Versuch, den geklauten Boden wieder zurückzuholen. Meine Freudin sagt: „Hey, jetzt hab ich gerade meine Oma in den Himmel ge-ommt, dann werd ich dich ja wohl grade noch davor beschützen können.“

Die letzten Jahre waren komisch. Ja, ich bin auf der Fresse gelandet, ja manches lief echt Kacke. Aber im Vergleich zu dem, was ich in meiner Jugend als Saupreiss, Nichtfussballer und pickeliger Querdenker am bayerischen Dorf und der vollkomen drogendurchsetzten Zeit danach durchmachte, waren die letzten Jahre wenigstens doppelt so geil wie das Paradies für einen muslimischen Selbstmordattentäter. Alles lief wie am Schnürchen.

Was ich anfasste, funktionierte. Nach meiner Weltreise fand ich viele gute neue Freunde in der alten Heimat – und alte noch dazu. Endlich wieder ein Zuhause in einer wunderbaren alten Wohnung. Eine gute Frau hat mich erwählt – und mittlerweile störts mich nicht mal mehr, dass es am GayDay war – und ich deswegen dort wohl nie wieder einen Freischnaps in meiner Funktion als potentieller Konvertit abstauben werde. Mein Job lief perfekt und brachte mehr Geld ein als mein Vater wohl jemals für möglich gehalten hätte.

Alles war gut. Bis heute.

Ich soll sofort zum Urologen. Die große Drehtür vor dem Einkaufszentrum ist viel zu langsam. Ich bin sehr ungeduldig, und will doch, dass die Zeit sich aufhört zu bewegen. Der Aufzug kriecht in den zweiten Stock. Eine riesige Praxis. An der Wand neben dem Empfang schaukelt ein ungerahmtes Bild in den durch die zahlreichen offenen Fenster einströmenden Windböen. Ich versuche ihnen zu folgen.

Der Arzt kommt viel zu schnell. Ich scheiss auf meinen Prioritätsrang, während ich ihm lieb ins Gesicht lächle „Ui, das ging ja fix.“. Meinen eh kräftigen Händedruck übertreibe ich so sehr, dass ich’s zu schnell merke und schlagartig loslasse. Noch ein Ultraschall. Bestätigung. Tumor. Der Arzt macht mir sofort einen OP-Termin für den übernächsten Tag. Ich scheiss nochmal auf meinen Prioritätsrang. Heilungschancen? Der Arzt meint inclusive gegebenenfalls Chemotherapie und Bestrahlung über 90 Prozent. Ein Stein fällt, kracht durch die 30cm dicke Betondecke und erschlägt auf seinem Weg in die Tiefgarage noch zwei Alkoholiker vor dem Supermarkt.

Weiteres Vorgehen? Hodentumore sind fast immer bösartig, sprich: Der Klöten geht garantiert flöten. Ich versuche nochmal den Stein in der Tiefgarage zu erspähen. Das bedeutet dann, dass ich wieder ’ne piepsige Stimme krieg? Nein. Aufrichten. Und wie schauts mit Testosteron aus? Werd ich jetzt ein pazifistischer Neohippie oder nur ein Weichei? Könnte ja sein, dass mir irgendwann doch noch eine erste Schlägerei in meinem Leben fehlt. Nein, gleicht der andere aus. Und wenn der nicht will? Was ist mit Kindern? Samen einfrieren? 1000 Fragen und keine Antwort, die ruhiger macht…

Die Welt dreht sich heute so eigenartig wie meine Gedanken. Ich fühle mich tot und gleichzeitig sehr lebendig. Fast wie auf LSD, nur ohne Halluzinationen. Auch das Glücksgefühl auf dem letzten Ticket war definitiv deutlich besser. Ich fahre heim, bau beinahe einen Unfall und setze mich an meine Arbeit: Ich bin Webdesigner. Laptop auf. Was nun? Design hier? Google dort? Blog da drüben? Ich setze als erstes einen Email-Autoresponder: „Werte Kunden und Interessenten, wegen Krankheit ist das Büro vom 10.08.-12.08. geschlossen.“ Dann schreibe ich ein paar gute alte Kunden an. Den Neukunden mit Vorkasse biete ich eine Rücküberweisung an – bin ja schliesslich nicht TelDaFax. Mein bester Freund verspricht Notfälle zu übernehmen.

Dann radel ich in die Stadt. Die Normalität erschlägt mich, ich laufe Gefahr durchzudrehen. Ich bin Löwe und bekennender Egozentriker. Also bitte vergib mir Welt, dass ich heute etwas gediegenere Kleidung von dir erwarte! Ein Gruftie in Schnallenrock mit Socken in Sandalen biegt ums Eck. Ich revidiere meine Meinung und gestatte der Welt heute doch Farben. Marek wartet im Dicken Mann. Er ist ein guter Freund, seit ein paar Tagen zu Besuch aus Bern da. Vor drei Tagen feierten wir meinen 38. Geburtstag bis zum sprichwörtlichen Umfallen. Heut fühl ich mich schon wieder so.

Er kann nicht viel sagen. Was sollte er auch sagen? Probierts trotzdem, und alleine der Versuch tut gut. Ich esse einen Salat. Schmeckt nicht. Schnell zahlen, ich kann mich nicht einladen lassen. Am Blumenstand vorbei. Wir hatten doch vorgestern einjähriges, Uli und ich. Dann rauf zur Uniklinik, meine Freundin abholen. Meine Freundin ist Krankenschwester. Eine gute. Sie sorgt sich wirklich, und ich mich darum, ob die Onkologie für einen derartigen Grinsekäfer wirklich die beste Wahl war. Vor ein paar Tagen hat sie auf der neuen Station angefangen.

Wir fahren zum Fernsehturm, auf die höchste Wiese über den Dächern Regensburgs. Dann sage ich’s ihr. Zuerst halte ich sie schon für von der Arbeit abgestumpft. Als kurz darauf die Tränen kommen, freue ich mich irgendwie. Nicht weil sie weint, sondern weil ich so stark sein kann und nicht weinen muss. Wir fahren zu meinen Eltern. Mama weinte auch übel am Telefon. Ich will sie trösten, und das Lächeln wird mir keiner nehmen. Alleine um anderen Menschen Hoffnung zu geben lohnt es sich.

Ein Sturm zieht auf. Wir fahren die Naab entlang von meinem kleinen Heimatdorf über kurvige Straßen vorbei an alten Klassenfeierplätzen bis nach Regensburg. Einer meiner Kiter-Freunde ruft zum feierabendlichen Kiten am Guggi auf. Aber mir hat’s heute schon genug das Brett weggerissen, ich wollte morgen Kiten gehen. Jetzt wohl besser nur zuschauen. Doch niemand ist am See. Nur die Sonne, der Wind, meine Freundin und ich. Wir fahren heim.

Abends schleicht sich die Angst heran. Solange meine Freundin spricht – egal was – versteckt sich die Angst im Schatten. Sobald sie schläft, mache ich das Licht an. Der Fernseher kann mich nicht ablenken, ich krieg nur einen Zombieblick und fühle mich tot ob der kompletten Nichtaufnahme jeglicher Bilder. Ich will leben. Man weint vor Schmerz oder wegen Trauer. Ich weine aus Angst.

Das Leben war oft die Welle unter mir. Die Verbindung fehlte. Jetzt bin ich grad dick von ihr erwischt worden und hoffe, dass sie mich nicht auf’s Riff schleudert.

himmel2
himmel1


Rate it!

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
Loading...

3 Kommentare

  • Tanja Feil schreibt am Montag, 15.8.2011 um 19:45 Uhr:

    Lieber Frank, ich wünsche dir ganz viel Energie, Lebensmut und Durchhaltevermögen für die nächste Zeit – ich kenne das ja leider sowohl von meiner Oma als auch von meiner Mutter, die beide schon Brustkrebs hatten. Aber was ich hier jetzt so gelesen habe, hast du von allem zum Glück sehr sehr viel – auch und v.a. dank deiner lieben Freunde. Ich schätze mich glücklich, dass ich anscheinend auch noch dazugehöre, obwohl wir kaum noch Kontakt haben. Auf bald hoffentlich! Viele Grüße und alles Gute, Tanja

  • Hubert Ammer schreibt am Freitag, 26.8.2011 um 9:21 Uhr:

    Lieber Frank, die Last von Schrecken und Angst, Ungewißheit und Verlust möchten wir Dir gerne erleichtern, ja teilen. Geteiltes Leid ist ja vermindertes Leid, wie im Gegensatz dazu geteilte Freude doppelte Freude ist.
    Bärbel und ich waren in der vergangenen Woche in Berlin bei Sabine und Michi. Dort haben wir von Deinem Los erfahren. Wir alle denken an Dich und werden das immer tun. Du bist stark und wirst mit Hilfe Deiner zahlreichen Freunde auch immer bestärkt werden. Wir sind in Gedanken bei Dir und wünschen Dir, dass Du die Krankheit rasch und gut überstehst. Alle gute Wünsche für Dich! Hubert Ammer

  • Jule schreibt am Samstag, 27.8.2011 um 12:49 Uhr:

    Ach Frank! ich bin sehr berührt und Du bist superstark. weiter so. Lieben Gruß von Jule

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner