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Das große Zittern

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0903
2012
Fr
16:38
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Die weiteren Bestrahlungen verlaufen besser. Mir wird nicht mehr schlecht, an die Geräusche der Maschine gewöhne ich mich. Nach der dritten Bestrahlung folgen einige weitere Untersuchungen. Da ein Lymphknoten nahe an der Niere liegt wird ein Funktionstest gemacht. Danach folgt ein Lungen-CT, um zu sehen, ob es sonst noch was gibt. Bisher gibt’s nur ein aktuelles Abdomen-CT.

Ich bitte die Schwester gleich um mündlichen Befund. Der Sekundenzeiger der Wanduhr kreischt bei jedem Ruck. Eine halbe Stunde später frage ich nochmal. Die Tür zum Befundungsraum geht auf. Zwei Ärzte blicken vom Schirm rüber zu mir. Eine Ärztin meint, Befunde gingen prinzipiell nur an die überweisende Station. Ich hab eine ganz schlechte Vorahnung. Sie hält den ganzen Tag, während ich mich mit Arbeit ablenke.

Uli kommt früher vom Spätdienst heim. Sie kommt nie zu früh. Sie umarmt mich. Dann berichtet sie vom Befund. In der Lunge ist ein Knoten von ca. 5 mm zu erkennen, der vorher nicht da war. Es muss keine Metastase sein. Ist aber wahrscheinlich. Mein Hodenkrebs schreit nach Luft. Er befindet sich jetzt in Stadium 3 von 3: Organe oberhalb des Zwerchfells wurden infiltriert. Strahlentherapie hilft jetzt nicht mehr. Ich muss so bald wie möglich eine Chemotherapie beginnen.

Maßlose Angst. Keuchen. Meine Hände zittern spastisch. Ich kann kaum mehr tippen. Weinen, schreien, nach Luft schnappen. Übelkeit. Alles dreht sich. Schnell die HP hier fertig machen. Letzter Satz drei Vertipper. Ich hab meinem abgebrühten Fatalismus und all meinen erfüllten Hausaufgaben zu früh gehuldigt. Sie verpissen sich ums nächste Eck und verstecken sich vor meiner unendlichen Angst. Die macht jetzt einen auf ganz dicke Hose. Mit einem Klöten.

Uli ist da. Ich hab keine Ahnung, wie andere Betroffene das aushalten ohne einen solchen Menschen an der Seite. Sie ist stark, und das ist das einzige, was mich stärkt. Hilft erst mal sehr wenig, es ist schon später Abend. Hinter jedem Schatten grinst der Tod. Ich Laufe um die Wette mit einer Schlaftablette. Gewinne dreimal, erschrecke heftig vom eindösen. Dann überholt mich endlich die Tablette. Das Licht des Fernsehers zappelt einsam durch die Nacht.

Nächster Tag. Uli nimmt frei und begleitet mich zum Uniklinikum. Die Strahlentherapie weiss erst mal nix davon, dass sie mir jetzt nichts mehr hilft. Große Maschinen und kleine beunruhigende Kommunikationsprobleme. Der Chefarzt weiss bescheid und bestätigt: ab jetzt ist Chemo angesagt. Dank meiner kleinen Krankenschwester gibt es auch ohne Termin nach langem Warten eine Beratung durch den Chefarzt der Onkologie.

Was weisst Du über Chemotherapie? Bis jetzt sicher nicht viel weniger als ich. Die Haare werden wohl ausfallen. Vermutlich wird’s mir oft sehr schlecht gehen. Ich werde vier Zyklen Cisplatin erhalten. Je eine Woche im Uniklinikum, dann drei Wochen Pause. Meine Überlebenschancen stehen gut. Ich vergesse einfach, dass sie vorher wenigstens fünf mal besser waren, und scheiss auf eine neues Tshirt mit irgendwelchen Prozentzahlen drauf.

 

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