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Kleine große Worte

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#495
0207
2012
Mo
13:30
Tag
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Ich kann aus Momentaufnahmen kleiner Geschehnisse mit guten Worten große Geschichten bauen. Aber bei großen Momenten fehlen mir die Worte. Letzte Woche habe ich erfahren, daß die vier Monate Chemotherapie wohl gewirkt haben. Die Metastasen in der Lunge sind verschwunden, die Lymphknoten im Bauchraum sind ebenso nicht mehr befallen.

Ich erfuhr es unerwartet früh durch Uli, die meinen betreuenden Oberarzt schon am Tag nach dem CT-Abschluss-Staging fragte. Eigentlich rechnete ich erst knapp eine Woche später zum Ambulanz-Termin damit, das Ergebnis mitgeteilt zu bekommen. Ich hatte keine Lust mehr, mich darüber aufzuregen, dass es wohl unvorstellbar ist, auf solch einen Befund nicht warten zu wollen.

Ich sitz also im Büro. Uli ruft an. Sagt: „Alles wird gut.“. Das hat sie in den letzten Monaten oft gesagt, und es tat immer gut. Aber es war oft schwer, daran zu glauben. Trotz gutem Grund fällt es mir auch jetzt schwer. DIe Griechen benannten diese Krankheit schon vor 2000 Jahren „Krebs“: Nach der Flut kommen diese Tiere gerne wieder aus dem Sand. Ich bin nicht geheilt. Ich habe immernoch Krebs. Ich bin symptomfrei, und habe gute Aussicht auf Heilung. Sicher ist das aber erst in fünf Jahren.

Die letzten Untersuchungen folgten am Freitag. Bis dahin war ich schon weit Schwimmen, fast zu weit. Die Physiotherapeuthin hat die letzten Schmerzstellen im Rücken beseitigt. Ich bekomme immer besser Luft und fange langsam an, meinen Körper wieder aufzubauen. Suche einen Platz für die folgende Reha.

In der Ambulanz erhalte ich die offizielle Entlassungsbestätigung von einer Ärztin, die mich noch nie zuvor gesehen hat. Sie weiss nur, was auf dem Papier steht. Ich fühle mich verlassen. Für einen Beinbruch mag die Trennung Station / Ambulanz sinnvoll sein. Bei etwas derart langem und schwerem wie einer Chemotherapie ist sie mehr als grausam.

Wir gehen beim Inder Essen. Mein Humor kommt zurück. Es tut gut, und verzeiht mir bitte, wenn er in den nächsten Wochen sicher ohne Rücksicht auf Verluste um sich schlagen wird. Ich habe so lange nicht mehr gelacht. Das Leid in der Chemo war schleichend. Alle Hoffnung wurde immer wieder von Nachtmonstern aufgefressen. Alleine durch seine Länge wirkt der Schmerz wie eine unendliche Zeitlupe. Die Angst fährt mit einem Panzer in Slow Motion über einen feuchten Sandstrand…

Beim Segeln auf dem Chiemsee bringt meine Schwester einen Trinkspruch auf meine Genesung aus. Ich mag das Wort „Genesung“ nicht. Es fühlt sich an wie eine Herausforderung von bösen Geister. Das kurz darauf aufziehende Unwetter scheint wie eine Warnung. Wir werden feiern, Freunde! Aber seid mir bitte nicht böse, wenn ich es vorziehe, jeden Tag als einen schönen zu feiern – denn einen Sieg über etwas unbegreifbares.

Neulich fragte mich eine Unbekannte, was der Krebs in mir verändert hätte. In ersten Spuren wiederaufkeimenden Humors sagte ich „Naja, ich bin viel offener und direkter geworden. Spreche über meine Gefühle und Probleme. Habe mir vorgenommen, meine Träume zu verwirklichen und weniger zu Arbeiten.“. Danach pruste ich vor Lachen, denn diesen Stereotyp erwartet jeder – gerade die Unbekannten. Ehrlich, Krebs hat nur eines verstärkt: Das Wissen darum, wie wertvoll das Leben ist. Dieses Wissen ist die mächtige Mutter der Angst. Auch jetzt. Ich trug heute weisse Hosen, und die Nacht ist schwarz. Zeit für Sterndlschmeisser…

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4 Kommentare

  • Tom schreibt am Montag, 9.7.2012 um 22:09 Uhr:

    Yeahh! Erleichterung! Auch wenn´st sonst ned so viel ghört hast von mir…
    LG Tom

  • maichie schreibt am Freitag, 13.7.2012 um 20:25 Uhr:

    iiööööiii !!!
    her mit dem – wie auch immer gearteten – humor, frank! (auch wenn ich nich immer drüber lachen kann…) ;-)
    hauptsache DU lachst wieder! mehr kann ich dir nich wünschen!
    ich puste grad ne luftschlange für dich!

  • Claudia Zimmermann schreibt am Donnerstag, 19.7.2012 um 23:12 Uhr:

    Herzlichen Glückwunsch und ich wusste, dass Du es schaffen wirst!!! Du kannst stolz auf Dich sein und Deine innere Kraft, durch die Du es geschafft hast!!😃😃 Du bist eine ganz besonderer, einzigartiger und liebevoller Mensch mit viel Tiefgang und ich bin unendlich dankbar, so einen wundervollen Bruder zu haben!! Ich danke dir für deine Freude, Liebe, Offenheit, ehrliche Direktheit und deine ganz besondere Individualität 😃. Claudi

  • Kai schreibt am Dienstag, 24.7.2012 um 22:19 Uhr:

    Hi Frank, das ist ja eine tolle Nachricht! Ich bin ganz geruehrt und ueberwaeltigt. Ich hab ganz fest daran geglaubt. Ich wuensch Dir auch weiter viel Kraft und Mut und Glueck!! Bis hoffentlich bald, liebe Gruesse, Kai

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