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Mission Mannheim

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1303
2012
Di
18:15
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Es gibt viel zu tun, und nie genug. Meine Heilungschancen stehen gut, aber ich muss mich sofort um viel Unerfreuliches kümmern. Ich verarzte meine Kunden und schaufle die Arbeit der letzten Tage weg. Brauche Ruhe. Ich werde nicht sterben. Trotzdem: kein Testament zu haben wäre gegenüber allen Hinterbliebenen grausam. Also schreib ich eines.

Uli will Kinder mit mir haben. Nach einseitigem Hoden-OP wäre das noch gut möglich. Nach Chemotherapie mit höchster Wahrscheinlichkeit nie wieder. Cryokonservierung ist angesagt. Wir suchen lange im Internet, die Krankenkasse zahlen nur bei Frauen 50% der hohen Kosten. Männer haben gesundheitsrechtlich betrachtet auch bei meiner Diagnose kein Recht auf Kinder.

Die nahen Samenbanken sind alle heftig überteuert. Man kann ohne weiteres mal schnell 1000 € für zwei Jahre zahlen. Dazu kommen später noch Kosten für im Schnitt drei nötige künstliche Befruchtungen. Jede kostet 3000 bis 6000 €. Ich hoffe, das erstes Wort meines ersten Kindes wird weder „Opa“ noch „Hebelzertifikat“.

Ich werde sicher einige Wochen oder gar Monate nicht arbeiten können. Als Freiberufler zahlt nur meine Berufsunfähigkeitsversicherung – wenig und vielleicht. Ich war nie Sicherheitsfanatiker, alles was ich habe ist genug und nicht mehr. Aus diesem Grund fahre ich heute nach Mannheim zur Samenspende. Dort kostet der Spass 210 € im Jahr. Mit auf dem Weg: meine beste Freundin Julia und mein Patenkind Paula.

Den Termin zu bekommen war nicht einfach. Es erforderte ein Dutzend Telefonate, Verzweiflung ob der Aussage „die einzige Laborantin ist auf unbekannte Zeit erkrankt“ und schliesslich Dankbarkeit für ein „Wenn Sie’s nur nicht immer so eilig hätten“ mit angehängter Terminvergabe am nächsten Morgen. Meine Bissigkeit fordert lautstark Kommentare wie „Tut mir leid, das nächste Mal warte ich mit der Chemo bis ich tod bin, dann haben sie mehr Zeit zum Einfrieren.“. Was rauskommt ist ein leises „Vielen Dank für den schnellen Termin.“.

Wir fahren früh ab, kommen gut quer durch Deutschland und zu früh im großen Uniklinikum Mannheim an. Frauen tragen heute Hosen und Männer bekommen Brustkrebs. Insofern verwundert es mich nicht, dass ich zur Samenspende auf die Frauenklinik beordert werde. Auf der Kinderwunsch-Ambulanz ist Paula sowas wie Jesus walking on water – doch einige Wünschende sind dafür blind. Auch nach der Bestrahlung lebt mein Sperma noch ein bisschen – sie können es einfrieren. Blutentnahme für AIDS und Hepatitis-Test, Vertrag unterzeichnen, ab nach Hause.

Nach fünf Stunden im Auto kriegt Paula ihren ersten Heuler – da hab ich ihr eh schon längst die Friedlichkeitsmedaillie ersten Ranges verliehen. In einem Burger King bringe ich ihr das Moshen bei. Ihre Haare sind noch etwas kurz, aber die Bewegung macht sie schon ganz gut nach.

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