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Operation „Klöten flöten“

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#382
1108
2011
Do
23:52
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Ich schlafe überraschend gut in der Maschine. Meine OP ist die erste heute, die Fahrt dorthin ein Shoot-Em-Up Game von 1985, Zaxxon in weiss-gelb. Die Landschaft des fremden Planeten bewegt sich nicht von oben nach unten sondern andersrum. Ich erwarte die Angriffswellen der Aliens, aber das OP-Bett wird nicht angegriffen.

Der Narkosearzt ist ein Meister der falschen Fragen. Wie geht es Ihnen? Kein Kommentar. Was wird bei Ihnen heute gemacht? Der rechte Hoden entfernt. Warum nicht beim Chefarzt? Weil meine private Krankenkasse anscheinend die Leistungen stark gekürzt und gleichzeitig die Gebühren binnen fünf Jahren um 40% erhöht hat. Kann ich nicht wechseln? Sicher, mit Krebs nimmt dich jede Private zu besonders günstigen Konditionen.

OP-Tisch. Grelles Licht im Kühlraum. Atemmaske. Spritze. Reden. Warm. Dumpf. Weg. Operation Klöten flöten beginnt ohne meine Anwesenheit.

Es ist unglaublich, wie schnell der Klöten flöten geht. Nur zwei Stunden später bin ich wieder wach und fühle mich, als würde mir nix fehlen ausser der Anfang einer leidenschaftlichen Beziehung zu Weight Watchers. Die ersten 50 Gramm sind geschafft. Hoffentlich bleibt’s dabei. Meine Mutter ist da. Ich schlafe ein. Zum ersten Mal seit Tagen mit dem Gefühl alles wird gut.

Niemand kommt. Niemand sagt was. Nur meine Freundin Caro, Arzt im PJ. Sie ist die einzige, die auf eigene Rechnung recherchiert und mir Neuigkeiten zukommen lässt. Aus dem OP war zu hören, dass der Tumor wahrscheinlich ein Seminom war. Seminom bedeutet eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit der Metastasierung und damit mehr Möglichkeit für ein langes und jetzt deutlich wertvolleres Leben. Von den Ärzten lässt sich bis sechs Uhr Abends keiner blicken.

Werter Oberarzt! Ich bewundere eure Einfühlsamkeit, wenn ihr im Gewandt eines Terminators an mein Krankenbett tretet! Ich hatte keine drei Tage Angst um mein Leben. Eure sachliche und binnen stolzen drei Minuten abgehandelte Rekapitulation der OP bekräftigt mich in der Ansicht, dass es sich wirklich nicht lohnt, um dieses mein Lebern zu zittern. Es ist es einfach nicht wert.

Bitte gebt mir eine Zahl, mein Familienname mit dem aufgedunsenem „Herr“ vorne weg beschämt mich aus eurem Mund. Spart euch, mir den Unterschied zwischen Seminom und Nichtseminom zu erklären! In Zeiten des Internets ist dies alleinig Patientenaufgabe. Und am allerwichtigsten: Bitte erwähnt noch nicht mal, dass der Tumor wahrscheinlich ein Seminom war. Die Fenster können wir so auch nachtens geöffnet lassen, das Zittern vor Angst wird mich mehr als genug wärmen. Arschloch!

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