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Systemneustart

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2012
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Die Studie aus den USA hat wohl nicht recht. Meine Ärzte sind nach deren Analyse der Ansicht, dass die zur gewünschten Wirkung benötigten niedrigen Glukosespiegel nur im Reagenzglas oder bei sehr kaputter Leber mit weniger als sieben Tagen Fasten erreicht werden können. Das ist einfach zu viel – und dann definitiv nicht mehr hilfreich.

Nach vier Tagen ohne Essen beende ich das Fasten und verfalle in Appetitlosigkeit. Ich kann nichts besser machen. Aber die Chemo wirkt. Die Nebenwirkungen sind schon im Klinikum viel stärker als beim zweiten Zyklus. Trotz Fasten, Pillen, Infusionen und Spritzen ist mir fünf Tage lang fast permanent übel.

Ein Hauptgrund ist das Essen im Klinikum. Beweis: Julia holt mich zur Entlassung ab. Der Cheeseburgern bei Mac ist eine Offenbarung im Vergleich zum Klinikumsfraß. Ein halbes Kilo Trauben genauso. Abends kommen Mel und Thilo mit Pizza vorbei. Uli geht in die Nachtschicht, ich schlaf endlich mal wieder satt ein.

Auf meinen Reisen besuchte mich Montezuma in wenigstens einem dutzend Sprachen und hundert Dialekten in verschiedensten Ländern. Nach Kambodscha hing ich einige Tage vollkommen dehydriert an der Infusion in Thailand. Auf Fiji dachte ich, dass ich an einer Fischvergiftung sterben würde. Aber das war alles harmlos.

Der heutige Neustart des Verdauungssystems fühlt sich an wie Sterben. Genau so stelle ich mir den Tod vor. Zuerst  spüre ich nichts. Urplötzlich packt mich ein Magenkrampf, der sich binnen Sekunden auf den ganzen Körper ausbreitet. Ich kann mich keinen Milimeter mehr bewegen, hänge verkrampft mit dem Oberkörper auf dem Rand der Badewanne. Kriege keine Luft. Schweiss am ganzen Körper, binnen Sekunden. Von der Glatze tropft er über die Nase zu Boden. Mir gehen eine Stunde lang immer wieder beinahe die Lichter aus, der Mund schmeckt nach Eisen. Dann habe ich zarte Hoffnung auf einen überlebten Reset und krieche zurück ins Bett.

Die nächsten Tage hab ich Angst vor Essen. Aber muss. Es schmeckt, ein bisschen. Zwinge mich. Tag und Nacht werden eins: ein einziger Hangover aus einer gefühlten Literflasche Jägermeister gefolgt von unendlichen Bieren. Jeden Tag. Kein Aspirin. Nur das warme permawach-Glühen von LSD in der Lunge. Vom Bett zur Couch kriechen. Manchmal schaffe ich sogar den Weg zurück. Ich hab langsam das Gefühl, es ist nicht der Krebs, der das Leben nachher wertvoller macht. Es ist die überlebte Chemotherapie.

Donnerstag feiert Astrid ihren Geburtstag bei uns. Ich kriech zweimal an die Festtafel. Das Essen schmeckt, aber ich kann immernoch kaum meinen Kopf oben halten. Hab kein Problem mit Schwachsein, aber das ist dann doch zu viel. Astrid fragt, was sie kriegt, wenn Sie vom nächsten Kiteurlaub ein Bild von sich in der Luft mitbringen würde. Ich biet ihr a Watschn an, sollten es weniger als drei Meter sein. Ab da bin ich mir sicher: es geht bergauf.

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2 Kommentare

  • Florian Wein schreibt am Freitag, 11.5.2012 um 22:23 Uhr:

    Oha, ich hoff der Reset is überstanden ;)
    Dass es bergauf geht merkt man allein an den letzten zwei Sätzen.
    Ich werd dich an der Ostsee vertreten und Astrid n bisschen „anspornen“ :D
    Und evtl sogar auch n Foto machen.
    (Vorausgesetzt wir bekommen das ohne Spiegelreflex hin -.^)
    An deine (bis vor kurzem gesprungenen) quasi „Bombenabwürfe“ mit parabelähnlicher Flugbahn und deutlich spürbarem Einschlag werden wir denk ich aber nicht hinkommen ;)

    Hang loose Frank =)

  • maichie schreibt am Samstag, 12.5.2012 um 9:34 Uhr:

    hunger is gut.
    besser gesagt: gier nach futter(=energie) is gut.
    denn seh das positive daran: 1. der körper fordert aufnahme und nicht aufgabe! und 2. wenn schon heiß auf nahrung, dann könnte man sogar mit freude so was wie spargeleis (!) essen… jaja.. es gibt dinge, die die welt nicht braucht… aber das weißt du ja eh!
    ergo: hau rein, frank! (in jeglichem sinne)

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