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Dodekanesie @ Kos

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1907
2021
Mo
13:08
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Hinter uns allen liegen eineinhalb Jahre Pandemie voller Einschränkungen. Hinter mir zusätzlich ein Jahr Digitalförderung mit Webdesign-Aufträgen bis zum Umfallen. Wir wollen wieder frei sein und das Leben genießen. Einen Tag vor Abflug in die Flitterwochen erklärt die Bundesregierung unser Reiseziel Griechenland zum Risikogebiet. Klar freue ich mich, dass wir als voll geimpfte weder bei Hin- noch Rückreise in Quarantäne müssen. Doch Delta kichert erwartungsvoll im Hintergrund. Noch nicht mal Tests sind vorgeschrieben.

Kurz vor dem Flughafen München leuchtet erstmals in 13 Jahren die Ölwarnleuchte meines Autos auf. Beim letzten Ölwechsel hatte ich wohl dem Motoröl mehr Freiheiten in Form eines nur halb verschlossenen Nachfülldeckels zugesprochen. Diese nutzte es obsessiv dampfend aus und winkt mir schwarz glänzend aus der Ölwanne zu. Ich verordne umgehend einen harten Lockdown und frage mich in welcher Weise Pandemien die Fähigkeit zur Interpretation von Orakeln fördern können.

Stehaufmännchen nervten mich schon immer. Ich meine nicht die, die einen in die Fresse kriegen, sich zusammenraufen und wieder aufstehen. Die haben meinen höchsten Respekt. Ich meine die Stehaufmännchen im Flugzeug. Die sind wenigstens doppelt so blöd wie mit quietschenden Reifen in einer grünen Welle startende Kleinschwanzträger. Einziges Ziel? Möglichst schnell an der nächsten roten Ampel warten.

Genau wie die Stehaufmännchen im Flugzeug: das Handgepäck holen wirklich professionell agierende am besten schon zu Beginn des Sinkflugs herunter. Die Regionalliga drängt noch vor dem Erreichen der Parkposition in den Gang. Ich verstehe gerade die kleinwüchsigen unter ihnen. Ob unglaublichen Beinfreiheiten leiden ihre Knie unter massiver Agoraphobie. Mein von unverstellbaren Condor-Sitzen geschundener 193 cm langer Ganzkörperbluterguss liebkost derweil still seine Platzangst.

Heute neu im Spiel: „Bitte bleiben Sie sitzen bis die Bank vor Ihnen ausgestiegen ist.“ Man mag ja darüber streiten, ob die Wohndichtenreduktion im Gang einen Einfluss auf die Infektionsquote hat. Es kommt jedenfalls wie es muss. Der erste steht auf – und etliche Gnome dahinter ebenso. Doch heute lässt die Stewardess und ein darauf folgender Applaus meinen Hass Pogo tanzen: „Die Kleinkinder, die das jetzt nicht verstanden haben bitten wir sich nochmals auf einen freien Schoss in der ersten Reihe zu setzen.“.

Das Taxi rast durch die Nacht. Palmen fliegen vor den aus der nahen Türkei herüberstrahlenden Lichtern vorbei. Gleich am ersten Nachmittag nach der Ankunft auf Kos frischt der Meltemi auf. Der Betreiber der Wassersportstation direkt vor unserer Unterkunft in Tigaki sagt mir dass Kiten hier nicht geduldet wird. Ich müsse bis ans Ende des Strandes gehen und hinter den letzten Sonnenschirmen starten, dort wäre es legal. Gesagt getan. Der Wind ist etwas schwach und ich treibe Downwind ca. 50 m in den Strandbereich mit Sonnenschirmen rein. Gehe umgehend mit Kite auf 12 geparkt ans Ufer.

Die Folge? Der Besitzer des Strandabschnitts polter mich sehr aggressiv an: „If I see you again here I call the police and you pay 600 €.“ Ich entschuldige mich freundlich. Von drastischen Strafen hatte ich bereits gehört. Daher wollte ich ja auch unbedingt alles richtig machen. Zumal ich seit einem fremdverschuldeten und fast tödlichen Motorroller-Unfall auf Korfu auch nicht umhinkomme die griechische Polizei für fast so ausländerhassend wie die deutsche Polizei für blind gegenüber Nazis zu halten.

Ich frage mich warum wir Kiter weltweit immer mehr als die Teufel der Winde angesehen werden. Schlimmer noch. Wenn Windjünger Teufel sind – dann sind wir Kiter rote Khmer auf Crack. Verhasster Abschaum. Das Lärmen der Motorboote mit Banaboats und Jetskis mitten zwischen den Schwimmer vor Tigaki ist kein Problem. Das fördert die Wirtschaft. Bellende Hunde im Naturschutzgebiet? Kein Problem! Aber die Kiter 200 m davor! Meine Religion mutierte binnen gerade mal zehn Jahren von Magie für alle zum dreckigen grünen Teufel. Ich wünsch mir eine Dodekanesie, will vergessen was für wunderbar bunte Vögel wir Kiter mal in den Augen anderer waren…

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