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Boracry

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2019
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Vor sieben Jahren machte Borawhy das Rennen als bester Insel-Spitzname zu Silvester. Heute gewinnt Boracry. Ich könnte heulen, wenn ich sehe, was wir dieser schönen kleinen Insel antun. Ich habe alle Hoffnung verloren, dass sich das noch jemals ändern lässt. Meine einzige Option nach sieben Besuchen: Bye bye Boracay! Bleibt bitte weg von dieser Insel!

Ja, Boracay ist wunderschön, der White Beach einmalig. Die Palmen tropisch, der Urwald im Norden dicht, das Wasser am Ilig-Iligan Beach ein kristallklares Aquarium voller bunter Fische. Die Auswahl an Restaurants und Bars ist gigantisch und der Wind am Bulabog in der Regel sehr gut zum Kiten. Das wars dann aber auch schon. Es gibt vieles was extrem im Argen liegt.

Hafen Caticlan. Da wir keinen überteuerten Transfer auf der Insel buchen lädt man uns auf ein Riesenboot statt auf eine kleine Banka. Wartezeit mit massig Formularen eine Stunde, umgerechnet sieben Euro pro Person für die letzten drei Kilometer Fähre und Transfer. Für den gleichen Preis fährt man auf den Phlippinen 12 Stunden Fähre mit Liegekoje. Massig Chinesen ignorieren jede Schlange und drängeln laut nach vorne.

Auch über ein Jahr nach der Wiedereröffnung ist Boracay immernoch eine einzige riesige lärmende Baustelle. Nach zwei Besuchen binnen einem Jahr gehe ich davon aus, dass das auch noch wenigstens zwei bis drei weitere Jahre so bleiben wird. Bagger suppen auf Schwimm-Pontons durchs Wasser. Presslufthammer reissen „illegale“ Häuser in der Mitte entzwei. In den halben Zimmern stehen noch die Betten.

Ja, es musste was getan werden. Alles war bis auf den letzten Meter zugebaut, vor allem die Hauptstraße war viel zu eng. Für die drei Kilometer von Fähre zum White Beach stand man gerne mal eine Stunde in Stau und Smog. Heute regieren E-Trikes und Baustellen. Vor allem nach Norden zum Puka Beach dauert es weiterhin sehr lange.

Am Bulabog Beach wünschte sich Präsident Duterte eine neue Straße, direkt zwischen Hotels und Strand. Hierfür wurden und werden massig Existenzgrundlagen (mit nunmehr hinfälligen Baugenehmigungen nicht nur ausländischer Investoren) in der Mitte entzweigeschnitten. Sogar das recht neue und luxuriöse 7 Stones wird gerade zehn Meter gekürzt. Die Hauptstraße zu erweitern war definitiv nötig. Der Grund für eine Straße direkt zwischen Strand und Hotels bleibt mir vollkommen unbegreiflich. Ja, es muss immer ein Weg zwischen Flutlinie und Privatgrund bleiben. Das war teilweise nicht der Fall. Hätte nicht einfach ein Fussweg gereicht?

Die Auswahl was abgerissen wird und was stehen bleibt erscheint mir nach vielen Spaziergängen über die ganze Insel vollkommen willkürlich. Am Diniwid Beach nördlich White Beach wurde gewürfelt: abreissen, stehen lassen, abreissen. Manche Grundstücke und Bauten wurden anscheinend alten Stämmen Boracays zugesprochen. Sie verrotten ungenutzt. Am Hügel nördlich Bulabog scheint radikal durchgegriffen zu werden, da hängt wirklich an jedem Haus ein Abrissschild. Ich erkennen nur eine klare Richtung: alles was urig, klein und günstig war wird abgerissen, und alles was neu gebaut wird sind weisse noble Betonklötze mit bis zu fünf Stockwerken. Davor liegen zumeist recht übergewichtige an einem Cocktail nuckelnde Chinesen in Ganzkörperverhüllung.

Die Kanalisation im Zentrum ist größtenteils fertig. Am Bulabog kiten wir heute nicht mehr nach jedem Regenguss zwischen Kacke und Kondomen. Die Abwasserleitung geht jetzt weiter raus bis übers Riff. Was dort rauskommt bleibt offen. Auf Rauchen und Vermüllen stehen hohe Strafen. Mülleimer bleiben bis auf White Beach weiterhin Mangelware. In den armen Wohngebieten liegt anders als auf anderen Inseln überall der Müll rum. Auf den Philippinen gibt es viel Armut. Auf Boracay Hoffnungslosigkeit.

Mein größter Kritikpunkt sind die Besucherzahlen. Selbst abseits Peak Season ist die Insel komplett dicht, zu Weihnachten über Silvester bis Chinesisch Neujahr schlichtweg Wahnsinn. Du fühlst dich über weite Bereich wie in Ikea an einem regnerischen Samstag Nachmittag – zu Jingle Bells an schwülen 35 Grad. Meine Freundin ist nicht nur schockiert sondern wirklich traurig. Muss man für diese kleine Insel wirklich unbedingt auch noch weltweit so massiv werben?

Chinesen, Taiwaner und Koreaner machen die Hälfte der Reisenden aus. Im Januar steigt die Quote leicht auf über 75%. Wir sehen nur ihre Neureichen. Wer schnell reich wird benimmt sich weltweit gleich. Vor allem die Chinesen sind unglaublich laut und ignorant, sie drängeln und sehen nichts. Sie haben keinerlei Interesse an lokaler Kultur oder Essen und gehen fast ausnahmslos in Chinesische Restaurants. Davon gibts auf Boracay deutlich mehr denn Philippinische.

Dort veranstalten sie dann unglaubliche Gelage mit zumeist über vier Hauptmahlzeiten pro Person. In einem oft hungernden Land lassen sie trotzdem traditionsbewusst sehr viel übrig. Nennen wir es die soziale Ader neuer Herrenmenschen. Dazu wird nicht getrunken, sondern bis zum Umfallen schief jaulend gesoffen. Jeden Abend live zu bewundern z.B. bei JCs Music Station, Road 1a.

Wir haben Spaß dabei, soviele Bilder wie möglich der stets im Burkini und voller Kriegsbemalung herumlaufenden Chinesen zu blockieren. Ich frage mich, ob es nicht auch auf Kamtschatka Chinesische Restaurants gibt. Auf jeden Fall hätten sie da keine Probleme mit dem Teint. Entfernungen messen wir in Drückern: 100 m am White Beach entsprechen abends exakt 20 Drückern. „No Thanks“ läuft in Permaschleife.

Wir schleichen uns an den leeren Ilig-Iligan Beach. Alle zehn Minuten knattert ein Hubschrauber vom nahen Heliport über uns hinweg. In der glasklaren Aquarium-Bucht liegen einige „Island-Hopping“ Bankas. Die Schnorchler latschen über jede Koralle, die nicht tief genug abtaucht. Am letzten Paradiesstrand Boracays angekommen drehen sie ihre Boxen auf. Dann läuft ein großer Katamaran mit gröhlenden Nachwuchs-Alkis und einer fünf Kilowatt-Anlage ein. Wir verziehen uns.

Die Freundin reist nach drei trotz Taifun, Regen und kaum Wind magischen Wochen heim. Mir fällt auf, wie leicht es ist alleine aufzubrechen, und wie schwer ohne den besten Freund weiterzureisen. Ich liege auf der Dachterrasse, schaue dem Wahnsinn unten zu und arbeite ganz leise mit einem weinenden Auge.

Zwei Tage später fällt in der gesamten Road 1a Wasser und Strom aus. Nach einem Tag ohne Dusche ist abends klar: der Zustand wird wenigstens eine Woche andauern. Das WHostel wird evakuiert. Ich ziehe ins Frendz und freue mich, einen Tag früher auf die wirklich schönen Inseln weiterreisen zu können. Doch daraus wird leider nichts. Meine Wäscherrei war auf der gleichen Straße. Mann freu ich mich bald wieder auf die guten Orte, wie Kitesurf-Mindoro.com

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5 Kommentare

  • Stefan schreibt am Samstag, 23.11.2019 um 3:11 Uhr:

    Ich war im oktober 2018 nach der Wiederòffnung auf Boracay.
    Ich muss die in den meisten Punkten recht geben.

  • Urs schreibt am Samstag, 23.11.2019 um 9:02 Uhr:

    Danke!

    Ich lasse die insel in meinem Kopf wie sie vor 15 Jahren war!

  • Horst-Dieter Schichtel schreibt am Samstag, 23.11.2019 um 13:39 Uhr:

    arbeite auf der Nachbarinsel „Carabao Island“, kenne Boracay noch als „sehr romantische Insel“ aus den 80er Jahren, und werde sie so in Erinnerung behalten. Heute besuche ich Boracay nur noch um meine Verpflegung zu kaufen, denn weit und breit gibt es in dieser Gegend nirgendwo gleichwertige Laeden; – nach dem Einkauf aber nichts wie weg von Boracay, denn was dort heute noch geboten wird braucht kein Mensch mehr … Fuer Personen, die Einreiseverbot in Sued-Korea haben mag sie jedoch interessant sein, denn nirgendwo in den Philippinen trifft man so viele Sued-Koreaner als in Boracay, und ihre Kultur haben sie auch mitgebracht …

  • Stefan schreibt am Samstag, 23.11.2019 um 15:12 Uhr:

    Ja, leider ist da Einiges nicht mehr so schön, wie es mal war.
    Aber zum Kiten gibt es auf den Philippinen ja jetzt viele gute andere Spots, die nicht überlaufen sind.
    Z.B. Der neue Spot auf der Insel Guimaras.

    http://www.kitesurfing-guimaras.com

    Aber zum Feiern ist Boracay doch immernoch eine Reise wert 😉

  • Andreas Modos schreibt am Sonntag, 24.11.2019 um 9:24 Uhr:

    Nach dem Boracay zur Touristenattraktion erklärt wurde ging es nur noch bergab. Besser wurde es weder durch die Schließung noch durch die Umbauarbeiten… nur teurer.
    Bin froh das ich noch Ende der 80er da war. Wenn heute jemand mit mir als Guide hin möchte, verlange ich 100 € Schmerzensgeld, pro Tag natürlich und Übernahme sämtlicher Kosten.
    Glücklicherweise haben die Philippinen noch genug schöne Strände und Ecken und ich weiterhin meinem Grundsatz treu bleiben und diese NICHT veröffentlichen…

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