Lustiges aus einem sauberen Land

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2002
2019
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Früh morgens sitzen Phlippinos wie hypnotisiert im Wartesaal der Fähre nach Batangas vor den blutigen Nachrichten im Fernsehen. Hier haben nur gute Menschen farbige Gesichter. Die Gesichter der Gewaltverbrecher werden entfärbt. Es wirkt wie eine dieser schwarzweissen Kunstfotografien aus den frühen Neunzigern mit einem einzigen farbigen Element – nur umgedreht.

Je blutiger die Nachrichten sind, desto ruhiger werden die Philippinos. Du spürst förmlich ihren Puls. Jede Blutlache bringt minus zehn BPM. Vorschulkinder kichern begeistert zu brutalsten Zombie-Metzlern aus komfortablen Kojen der elf Stunden dauernden Starlines Fähre. Zwei Tage lang bin ich mit Schiffen, Bussen, Minivans und Trikes auf dem Weg in das stärkste Windgebiet Asiens am abgelegenen Nordzipfel der Philippinen.

An der Wand hinter mir hängt ein Schild „Fixen verboten“. Wie groß das Drogenproblem auf den Philippinen wirklich ist kann ich nicht sagen. Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 2% aller Philippinos zumindest gelegentlich Meth konsumieren. Daß der Berserker unter den Drogen wenigstens „ein klein wenig“ mehr Probleme mit sich bringt als andere vermute ich spätestens seitdem ein Meth-Head den Kaminofen einer Freundin dank reichlich Benzin zum Anschüren zumindest teilweise durch die Decke jagte.

Der Philippinische Präsident Duterte führt einen blutigen Krieg gegen die Drogen. Binnen den bisher drei Jahren seiner Amtszeit kamen bei Polizeieinsätzen wenigstens 8.000 Menschen ums Leben, viele unter mehr als fragwürdigen Umständen. Duterte ermunterte Polizei und Bürger, Drogenabhängige umzubringen. Wahlplakate zeigen lokale Politiker mit ausgestreckter Duterte-Faust. In etlichen Städten ist Rauchen bei hohen Strafen komplett verboten. Aber vermutlich geht es gar nicht um Drogen. Duterte wünscht sich einfach nur, daß seine Untertanen vor blutigen Nachrichten beruhigt einschlafen können.

Nach der Gewalt-Vorspeise folgt in „TV patrol“ eine dreiviertel Stunde Resistenz-stärkende Berichterstattung zum Anti-Drogen Krieg. Zuerst kommt immer Meth, dann Kokain und am Ende Gras. Die Verdächtigen werden vor die Kamera gezerrt und unter Angabe des vollen Namens und Wohnortes interviewt. Als geschickte Überleitung in den gemütlichen Teil des Abends befriedigen Sexualverbrechen und Kindesmisshandlung das allgemeine Sensationsbedürfnis.

Jetzt folgen die Gameshows. Die Hohlheit in den Birnen der vier moderierenden hübschen Modepüppchen spürst du auch ohne ein Wort Tagalog zu sprechen. Ein leichter Hall dringt durch künstlich grinsende Lippen. Vier Teams treten beim „Luftballon-mit-dem-Hintern-zerplatzen“-Wettlauf an. Werbung. 24h Duft-Waschmittel. 24h desinfizierendes Duschgel. Baby-Folgemilch verspricht schnelleres Wachstum binnen nur acht Wochen. San Miguel Gin Werbung.  Zurück zur Gameshow. Die Gewinner erhalten Preistüten von „Liveraide“. Philippinos trinken mehr Gin als jede andere Nation der Welt.

Auf den Philippinen braucht man für alles etwas mehr Zeit. Das gilt vor allem fürs Essen. Ich liebe die kleinen Garküchen. Solange ein paar Einheimische rumsitzen kannst du dir sicher sein, daß du dir nichts einfangen wirst – egal wie die Küche aussieht. Das Essen ist meist kalt – aber gut und sehr schnell. Sobald ein Restaurant „westlicher“ rüberkommt ändert sich das drastisch. Meine schlimmsten Infektion hatte ich in einer Pizzeria in Kambodscha. Alles sah super sauber aus. Ich landete drei Tage im Krankenhaus.

Auf den Philppinen erkennt man ein „gutes“ Restaurant vor allem an der Geschwindigkeit der Bedienung. Je langsamer sie ist, desto besser ist das Restaurant. „Waiter“ ist kein englisches Wort. Es kommt vom Philippinischen „warten“. Alle fünf Bedienungen spielen Candy Crush. Ich warte eine halbe Stunde auf die Karte. Je einfacher das georderte Gericht ist, desto länger dauert es. Wenn es kommt. Nach der dritten Erinnerung. Oder der fünften. Dann geht es ans zahlen. Eine gute Bedienung rechnet hier nie im Kopf, immer nur mit Rechner, auch bei 100+50: erst mal den Rechner holen. Mist, Batterie leer. Suchen. Wechseln. Langsam tippen. Rechnungsnummer. Steuer. Ups, Kohlepapier fehlt. Suchen. Nochmal. Langsam schreiben. Oh, kein Wechselgeld. Andere Gäste fragen. Wieder Rechner. 5 x 100 = 500. Tatsächlich.

Ich amüsiere mich dabei ganz köstlich. Nur manchmal verdurste ich. Andere schimpfen. Gerade junge Philippinos haben meist ein sehr hohes Bildungsniveau, sprechen spitzen Englisch und sind super aufgeweckt. Aber die werden niemals „Waiter“. Das darf man auf den Philippinen nur, wenn man sich nachweislich so langsam wie ein Chamäleon bewegen kann – und entweder eine ausgeprägte Rechenschwäche, aber besser noch ein ärztliches Attest über angehenden Alzheimer vorweisen kann.

Nachtbus Manila – Pagudpud. Die Traumschiff-Busse Perus haben mich offensichtlich schwer verweichlicht. Unter 160° Sitzwinkel träumt mein Körper jetzt nur noch die ganze Nacht mit 30 cm über die Lehne herausstehendem Kopf vom schlafen. Das „Super Deluxe“ auf der Windschutzscheibe bezieht sich nur auf zwei Dinge: Klimaanlage 14°C und funktionierender Geschwindigkeitswarner. Er piept die ganze Nacht. Den im Dunkeln hinter dem entspannt „3 Doors Down / Kryptonite“ pfeiffenden Fahrer vorbeifliegenden Szenen verleihe ich das Prädikat „spannend“. Ab Tempo 120 hat Masse immer Vorfahrt.

Überall auf den Philippinen hängen Denunziationsaufforderungen. Drogendealer? Melden! Verdächtiges Verhalten? Melden! Rasende Fahrer? Terminieren! Genau wie die omnipräsenten handgemalten Umweltschutztafeln vor Bergen überflüssigen Plastikmülls versprechen sie eine bessere Welt. Das schönste hierbei? Du musst rein gar nichts machen ausser glauben und sauber Hirn waschen lassen. Am besten mit 24h Desinfektionsseife.

Am frühen Morgen komme ich nach insgesamt 48h on the road / sea in Pagudpud an. In zwei Tagen habe ich zwei Drittel der Länge der Philippinen durchquert und bin jetzt näher an Hongkong denn an meinem letzten Kitespot Lakawon…

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