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Roadtrip Slowenien

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#669
1907
2019
Fr
12:33
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Die Anreise zum Nationalpark Triglav führt über acht Stunden und kleine Landstraßen auf hohe Pässe bis zur Predil Festung aus dem ersten Weltkrieg an der Grenze zwischen Italien und Slowenien. Der See glänzt silbern in der Sonne zwischen den weissen julischen Alpen. Nach der Abfahrt landen wir im kleinen Camp von Toprafting. Bunte Reisende voller Geschichten aus aller Herren Länder feiern unter dem Dach im aufziehenden Wolkenbruch.

Gleich in der ersten Nacht leckt unser Zelt. Unter den dicken Regenwolken ist es bitter kalt. Nach dem gerade absolvierten Fehmarner Kältetrauma habe ich meinen Winterschlafsack reaktiviert – aber Steffi hat nur einen kleinen Sommerschlafsack. Gleich am ersten Morgen brechen wir mit einem guten Chilenischen Guide auf eine dreistündige Canyoning Tour auf. Der halbstündige Anmarsch zum Einstieg führt zunächst steil den Berg hinauf – und am Ende Steil in den Canyon hinab.

Dank viel Regen passt der Wasserstand. Wir klettern zwei Stunden lang über Felsen und durchschwimmen glasklare Pools. In der Mitte folgt eine vier-Meter Rutsche in eine kleine Höhle. Die Tour endet mit einer netten zehn Meter Abseilung / Rutsche in einem rauschenden Wasserfall. Dank guten sieben Milimeter starken neuen Neoprenanzüge und dicken Schuhen kommt der Frost erst im Regen nach der Tour zurück.

Die kleine Stadt Bovec ist seit meinem letzten Besuch vor fast 20 Jahren kaum wiederzuerkennen. Alles wurde renoviert, viele Touristen strömen in teure Restaurants. Slowenien ist zwar kein Geheimnis mehr – aber das Socatal bleibt trotzdem an den ruhigen Stellen weiter magisch.

Die Mountainbike-Tour am nächsten Morgen führt über Straßen, Schotterpisten und Singletrails immer nahe der Soca entlang ins ca. 25 km entfernte Trenta am oberen Talende. Der erste Teil der Tour läuft über ruhige Nebenstraßen und Feldwege. Die Steigung ist meist moderat – aber mit einigen Abstechern, Verfahrern und Hügeln am Weg haben wir bis zum Abend doch nette 55 km und über 500 Höhenmeter auf dem Tacho.

Abkühlungen liegen im Abstand weniger hundert Meter direkt neben dem Weg. Auch in ihrem Oberlauf ist die Soca an vielen Stellen tief genug zum Baden oder gut um von bis zu sieben Meter hohen alte Steinbrücken zu springen. Ihr Wasser ist auch im Hochsommer mit maximal acht Grad bitterkalt. Im oberen Teil der Tour bleibt leider die recht stark befahrene Hauptstraße als einzige Option. Wir kehren um.

Am dritten Tag raften wir zuerst eineinhalb Stunden lang die untere Soca durch milde Stromschnellen Klasse I bis II nach Süden. Danach fahren wir mit dem Auto bis auf ca. 1.800 m auf den dank frischem Felssturz im oberen Teil gesperrten Mangartsattel. 1946 veranstalteten die Amerikanischen Befreier hier das erste Skirennen Sloweniens. Durch den Steilhang am Fusse des Mangart Gipfels kamen nur zwei von 70 Teilnehmern im Ziel an. Der D-Day war definitiv weniger gefährlich. Schwarz-weisse Schafe grasen blökend an den Hängen.

Heute strahlen die mächtigen Berge und letzte Schneefelder weiss in kurzen Sonnenlöchern zwischen windigen Wolken um die Wette. Wir steigen durch den steilen Karst auf bis zum Fuss des Mangart-Gipfels. Dann mutiert der Pfad zum Klettersteig. Wir spucken kurz nach Italien runter und drehen auf ca. 2.150 m wieder um. Ein Österreichisches Skigymnasium quält seine Zöglinge auf Blades die gesperrte obere Teerstraße gen Himmel und Ruhm. Weiter unten verkauft eine Alm sehr guten Schafskäse. Eine Flachland-Slowenin absolviert in 15% Gefälle erfolgreich die Feuertaufe mit qualmenden Bremsbelägen und glühenden Scheiben.

Am letzten Tag im Soca Tal touren wir kurz auf den noch steileren und engeren 1.600 m hohen Vrsic Pass Richtung Österreich. Vor 200 Jahren kommandierte Napoleon seine Soldaten über diesen Pass gen Russland. Im ersten Weltkrieg bauten Russische Kriegsgefangene den Pass aus – und eine Materialseilbahn auf, welche entscheidend zum Durchbruch Sloweniens gegen Italien an der Isonzo Front führte. Eine kleine hölzerne Kirche erinnert auf der Österreichischen Seite an die beim Bau gestorbenen Russen. Auf dem Pass gibts ausser massig Verkehr nicht viel zu sehen. Steinböcken und Murmeltieren war es hier zu laut.

Am Fusse des Vrsic Passes entspringt die Soca hinter einem kurzen Klettersteig aus einer Karsthöhle. Ein Schild warnt vor den Gefahren – ist aber machbar und auf jeden Fall wegen den kleinen Wasserfällen und märchenhaften ersten Metern der Soca einen Ausflug wert. Durch leichten Regen brechen wir nach Süden auf.

Nächster Stop ist das Butik Electronic Music Festival auf einem traumhaften Gelände zwischen den Flüssen Soca und Tolminka gelegen. Mit gerade mal 500 Gästen hat das Festival genau meine Kragenweite. Kajakfahrer ziehen ihre Tropfspuren durch dicht über der Soca hängenden Nebelschwaden. Hinter dir dröhnt der mächtige Bass einer guten Anlage. Grasschwaden legen sich im Kiesbett nieder. Wir haben Weinflaschen mit reingeschmuggelt, was sich bei Bier- und Cockteilchenpreisen auf Oktoberfestniveau wirklich auszahlt.

Bei 30 Euro für einen Tag erwarte ich gute DJs. Leider sind alle bis auf einen an der kleinen Nebenbühne nur unbelegte Fader drehende Hampelmännchen mit DeppiKäppis, die Scheiss Sound verzapfen. Guy J bis acht Uhr morgens wäre sicher noch fein gewesen, doch um zwei Uhr schickt uns die bisherige Sportwoche mächtig heftig auf die Matte. Location top, Sound flop.

Morgens darauf geht die Tour durch die Slowenischen Voralpen, kleine Dörfer an unglaublich steilen Hängen und die mittelalterliche Stadt Skofja Loka weiter in die Hauptstadt Ljublijana. Die Stadt hat sich in den letzten 25 Jahren zu einem Hipster Mekka mit nobler Gastro und massig teuren Shops entwickelt. Die bezaubernden alten kaputten Häuser an der Flusspromenade sind fast ausgestorben. Alles ist jetzt frisch renoviert.

Auch die Burg mit ihrer 700-jährige Geschichte wurden komplett überarbeitet: mit viel Gespür und Verstand wurde viel Glas und Stahl eingesetzt, was wirklich wunderbare Kontraste mit den alten Mauern bildet ohne Geschichte verfälschen. Durch interessante Ausstellungen quetschen sich viel zu viele selfie-geile Nichts-seher. Wir schleichen uns zum Abendessen.

Am zweiten Tag schliessen wir uns nach dem Tivoli Park einer recht guten Stadtführung an (Ljublijana Free Tours, Bohan). Dank dem sehr witzigen und schnell auf englisch schräge Geschichten kredenzenden Guide vergeht die Zeit durch den Jugendstil Ljublijanas wie im Fluge. Wir schwingen uns auf überall zu mietende Elektroroller und düsen spassig ins alternative Christiana-Pendant Metelkova. Besprühte Häuser, grimmig blickende Gras-Verchecker und Punkkneipen sind eine gute Abwechslung zum Protz und Glotz des Zentrums.

Unser letzter Stop in Slowenien ist der Bohinj See auf der anderen Seite des Triglav. Zwischen Bovec und Bohinj liegen Luftlinie gerade mal 15 Kilometer. Doch wegen der unüberwindbaren Berge dazwischen beträgt die Fahrstrecke wenigstens 100 Kilometer. Leider gibt es hier keine kleinen Campingplätze, nur zwei grausame Massentierhaltung. Was nützt es Freiland-Eier zu kaufen und zur Camper-Werbung im TV ob der Differenz zum realen Einsatz nur lachend den Kopf zu schütteln – wenn 750 Personen Bodenhaltung die einzige Option an einem wirklich paradiesischen Platz sind?

Wir haben Glück. Ein abreisendes belgisches Pärchen überlässt uns seinen Beachfront-Stellplatz. Der Boden ist hier weniger abschüssig als auf dem Rest des Campingplatzes. Dort stehen im Wald Zelte dicht an dicht am Hang auf mächtig kreuzverrenkenden Wurzeln und Steinen. Erst grinsen wir, dann verliert die Luftmatratze auf den Steinen alle Luft. Ich füttere die Forellen am Ufer zum Sonnenuntergang. Danach spiele ich ihnen „I will survive“ – bei 27 € für das Recht „bis zu einen Fisch an einem Tag“ zu fangen wirklich abseits jeglicher Ironie.

Eine kleine Wanderung zum nächsten Wasserfall bringt einzig Ströme von über 546 Stufen hetzende Selfie-Posern. Nachts feiern Techno-Kiddies lang und laut unweit von im Nebenzelt schnarchenden Leichen. Die Stille des nächsten Morgens mit einem Meter über dem Wasser schwebenden Nebel rettet alles. Er reisst auf. Das Bergpanorama im Nebel-Passepartout hätte Bob Ross nicht besser hinwichsen können. Wir schleichen uns.

Auf der Rückreise gibts noch einen Zwischenstopp am Attersee. Ein kleiner Campingplatz ist voll. Die anderen sind alle wieder Massentierhaltung in Käfigen. Rüber an den Traunsee. Wieder Massentierhaltung oder 40 € für einen Drecksplatz direkt neben der stark befahrenen Hauptstraße am See. Google meint noch ein Camping am Bauernhof zu kennen. Niemand ist da.

Wir fragen die Nachbarn: „Ah, der mochts scho seit zea Johr nimmer. Kinnts eich do hint hi stöin. Resultat: Der schönste Campinplatz der Reise, ganz allein auf einer Alm mit Blick auf Attersee und den im Sonnenuntergang rot glühenden Traunstein. Beeren aus dem Garten sollen wir uns pflücken. Wir danken mit massig Wein und teilen richtig. Grillen zirpen, Bienen summen und ein Fuchs klaut in der Nacht Steffis Socken vor dem Zelt weg.

Den nächsten Tag verbringen wir am Kitespot in Rindbach. Die Wetterlage ist nicht gut für die nötige Thermik. Ein notgeiler Flysufer geht in 19m² aufs Foil und hobelt sich eine Stunde in löchrigstem Leichtwind verzweifelt etwas Höhe ab. Das wars dann.

Futter ist alle. Laptop ist leer. Handy ist leer. Powerbank ist leer. Akkus sind voll. Geile Reise.

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