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2.800 km Roadtrip mit Baby

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#745
0104
2023
Sa
22:56
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Mein Leben ist das Reisen. Wenn ich nur noch eine Sache im Leben machen dürfte, dann wäre es reisen. Ich hatte riesige Angst, dass mit Baby der wichtigste Teil meines Lebens vorbei wäre. Ebenso hatte ich Angst, dass unser Versuch mein Leben und das Baby zu vereinen schiefgehen könnte. Mein Vater hielt unseren Plan schlichtweg für verrückt.

Unser Plan? Für einen Monat mit dem Auto nach Tarifa in Spanien fahren. Ab Regensburg sind das inklusive Zwischenstopps nette 2.800 Kilometer. Befreundete Eltern meinten mit Baby wären am Tag maximal vier Stunden Fahrt machbar. Wir haben rein gar nichts vorweg gebucht und richteten uns voll danach wie es dem Baby ging. Am Ende bleiben zwei Erkenntnisse: Unser Baby ist das stressfreieste und liebste Kind der Welt. Aber trotzdem ist das Reisen mit Baby unendlich anstrengend.

Der erste Weg ist nur ein kleiner Test. Wir fahren gegen Mittag gute eineinhalb Stunden bis zum besten Freund am Ammersee. Die Kleine verschläft fast die ganze Fahrt. Am Nachmittag gehen wir am Ufer in kalter Sonne zu bestem Eis spazieren. Das Baby freut sich über jeden Spielplatz und Hund am Weg. Ich frage mich, was der eine Kiter in fünf Knoten an fünf Grad vor den noch schneebedeckten Alpengipfeln beweisen will. Wir gehen früh ins Bett. Die Kleine wacht nachts etwas verwirrt auf und schreit eine Weile. Am Morgen ist wieder alles gut.

Im letzten Schneefall des Jahres brechen wir am nächsten Morgen zu Schulfreunden nach Genf auf. Die fünfeinhalb Stunden Fahrtzeit unterbrechen wir alle knapp zwei Stunden für ein Baby-Bewegungsprogramm. Sie nützt es ausgiebig. Danach schaut die Kleine wieder interessiert aus dem Fenster und flirtet im Stau um Zürich mit den Lastwagenfahrern auf dem rechten Streifen. Einen guten Teil der Fahrt verschläft sie wieder. Ein paar Minuten mosert sie, aber das hat die Mama mit Animationsprogramm schnell wieder im Griff. Zu manchen Songs im Radio legt sie unglaublich witzige Tanzeinlagen im Kindersitz hin.

Der Spielplatz hinter dem Garten in Genf mag die Kleine fast genauso wie die zwei Hauskatzen. Sie dekoriert das halbe Haus um und klimpert am Klavier. Genug Input gibt es nicht. Ich bin fasziniert von ihrer Wissbegierigkeit, Freude und offener Art mit jedem Menschen. Nach einem schönen Abendessen mit der Familie geht es für die Kleine früh und für uns wegen lange nicht gesehenen Freunden viel zu spät ins Bett. Die kleine wacht wie auch zuhause immer gegen sechs oder sieben auf und wird von Steffi versorgt. Ich lade in der Zwischenzeit nette 100 kg Gepäck verteilt auf 15 Stücke in und auf das Auto.

Der nächste Tag führt uns bis ins Herzen Frankreichs. Da die Autobahnmaut in Frankreich mit bis zu 15 € für 100 km unverschämt teuer ist weichen wir für ca. 250 km auf Landstraßen aus. Nur um Lyon herum zieh sich das etwas. Ab dem Massif Central sind die Landstraßen super ausgebaut, leer und den Autobahnen fast gleichwertig. Der letzte Schnee strahlt hell von den höchsten Gipfeln. Der Frühling leuchtet bunt an 20 Grad über einer der schönsten und verlassensten Gegenden Frankreichs.

In Millau kommen wir erst am späten Nachmittag an. Die guten Vermieter unserer ersten Unterkunft überladen das Baby mit Spielzeug. Gut gemeint bedeutet das trotzdem immer Stress. Auf einem kleinen Spaziergang zum nahen Wasserfall von Creissels kommt die Kleine wieder halbwegs runter. Das ausgezeichnete Gault Millau Menü im Restaurant gegenüber schmeckt ihr genauso gut wie uns. Doch die gewonnene Energie investiert sie umgehend etwas zu erfolgreich in recht laute akustische Feldversuche. Wir schleichen uns zur hinter der Autobahnbrücke von Millau untergehenden Sonne ins Bett.

Heute zeigt sie zum ersten Mal auf der Reise die gleichen Probleme wie daheim. Ohne genug Input und mit zu wenig Bewegung dreht sie abends sehr lange vollgas auf und kann nicht schlafen. Für mich ist das doppelt hart. Erstens wegen dem anstrengenden langen Fahren plus abends arbeiten und dringend benötigtem Schlaf. Zweitens weil ich mich trotz ähnlichem Verhalten daheim frage ob nicht doch das Reisen und damit ich schuld bin. Solange sie lautstark wacht plane ich die Route mit Stopps und möglichen Unterkünften. Ich plane sehr lange.

Der nächste Tag ist mit über sechseinhalb Stunden Fahrtzeit der härteste der Reise. Zwar verschläft die Kleine wieder knappe zwei Stunden hiervon. Aber der Verkehr auf den Landstraßen vor der Spanischen Grenze ist lange sehr dicht und kostet viel Kraft. In den Stopps alle zwei Stunden tanke ich zuviel Kaffee. Ab Spanien sind fast alle Autobahnen wieder gratis. Knapp hinter Barcelona am vierten Stopp der Reise bekommen wir eine erste dicke Belohnung.

Unsere Unterkunft liegt in einer noch komplett im Winterschlaf liegenden Kleinstadt nur 300 m vom Strand entfernt. Die Kleine rastet völlig aus, als sie ihren ersten wirklich angemessen großen Sandkasten sieht. Das Wasser ist noch sehr kalt, aber sie will trotzdem immer wieder mit den Füssen in die Wellen am Strand. Die Eltern schlürfen Cava. Mama lacht. Die Kleine jagt Tauben am Strand. Nur das Abendessen geht schief. Alle Restaurants sind noch geschlossen und die Tiefkühlkost von Lidl ist einfach nur zum Kotzen.

Das nächste Tagesziel Cartagena erreichen wir nach gut sechs Stunden Fahrtzeit fast problemlos. Die Temperatur steigt in Andalusien mittags kurzzeitig auf über 30 Grad. Leider sind genau das die Momente, in denen man nach dem Winter feststellt, dass sich anscheinend wieder mal das Klimaanlagen-Kühlmittel komplett verdünnisiert hat. Wir machen mehrere Stopps in kurzen Abständen im Schatten um die Kleine zu kühlen.

Das Apartment mitten in der Altstadt von Cartagena ist riesig und die Pinchos am Abend begeistern die gesamte Familie. Die Kleine schläft schnell, lang und gut. Früh am Morgen wandern auf einmal hunderte violette Schlümpfe mit Pest-Zipfelmützen direkt vor unserem Apartment durch die Gassen. Roadtrips mit Baby klauen offensichtlich fast alle Studienzeit. Wäre dem nicht so hätte ich schon vorher herausgefunden, dass Cartagenas Osterumzüge fast so bombastisch und berühmt sind wie die im Sizilianischen Trapani.

Mit polizeilich erteilter Genehmigung schwingen wir uns direkt hinter der Prozession im Auto in die Fussgängerzone und laden auf zum letzten Stopp der Reise. Nach gerade mal dreieinhalb Stunden Fahrt kommen wir über bis zu 1.400 m hohe Pässe im kühleren Granada an. Vor 30 Jahren führte hier unsere Abitur-Reise her. Sieben Helden in einem 13 Jahre alten Feuerwehrbus. Ich erinnere mich nur noch daran, dass unser Bus am nahen Mulhacen den Geist aufgab. Wir fuhren mit dem Zug zurück nach Deutschland.

Heute schaue ich mir also gerne nochmal die Alhambra mit Familie an. Die Kleine bekommt gar nicht genug von den Wasserspielen in den Parks. Der letzte Schnee am Gipfel des Mulhacens strahlt in einen klaren Frühlingstag voller bunter Blumen. Trotz jede Menge Input, wenig Fahrt und viel Bewegung dreht die Kleine am Abend wieder fast eine ganze Stunde ziemlich am Rad. Ein defektes elektronisches Schloss an unserer Hotelzimmertür sperrte uns heute mehrfach von Kleidung und Babynahrung aus. Ich bin ziemlich durch.

Der letzte Teil der Reise geht über dreieinhalb Stunden und gute 250 km an unser Ziel für den gesamten April. Als wir durch höllisch dichten Verkehr ab Malaga endlich über die letzten Hügel vor Tarifa fahren fällt eine riesen Last von meinen Schultern. Das Gefühl reicht an „Rummel mit den Eltern im fünften Lebensjahr“ heran. Pures Glück. Dankbarkeit, dass alles gut ging und die Kleine und die Mama so gut mitmachten. Aus dem Radio erklingen arabische Klänge aus dem nahen Marokko. Das Meer kocht in starkem Wind. Ich bleibe eine ganze Woche müde und schaffe es noch nicht einmal den Bürgermeister darüber in Kenntnis zu setzen, dass seine Gemeinde nunmehr den Wurm aus Dune beherbergt. Er wird schon merken, wenn der gesamte Strand gefressen wurde…

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Ein Kommentar

  • Peter schreibt am Sonntag, 9.4.2023 um 7:24 Uhr:

    Eindrucksvoller Reisebericht. Nach dem Buch: „Reisen mit Mama“ wäre eine Fortsetzung „Reisen mit Baby“ erfolgversprechend. Weiterhin viel Spass , gute Nerven und viel Wind.

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