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Tierische Zeiten

Post
#503
1311
2012
Di
2:09
Tag
1985
146 views

Ich habe gearbeitet wie ein Ochse, im Fitness-Studio geackert wie ein Gaul. Getanzt wie ein Bär und dazwischen mit Freunden getrunken wie ein Schwein. Gefressen wie ein Wolf, gelacht wie eine Hyäne. Ein ein knappes halbes Jahr nach der Chemo zwitschern meine Ohren immernoch, und meine Haare fangen an, sich zu kräuseln wie Schafswolle

Alles in allem kann ich echt sagen, dass die letzten drei Monate die tierischste Zeit meines Lebens waren. Vor allem tierisch anstregend. Ich will endlich wieder unsterblich sein, und da das nicht geht, will ich mich wenigstens so fühlen. Also tu ich, was ich kann und geh bis an alle Grenzen. Bisher habe ich noch keine gefunden, und das macht mir Mut.

Nach einem sehr anstregenden Jahr bin ich reif für einen langen Urlaub und eine große Reise. Dafür brauche ich einiges an Geld, gerade nach einem halben Jahr fast ohne Einkommen. Passt gut in den Plan vom Unsterblichkeitsgefühl. Seit Wochen habe ich einen strikten Tagesplan, ich glaube, zum ersten Mal seit der Schulzeit. Sechs Stunden Arbeit, mittags zwei Stunden Fitness, und dann weiter arbeiten bis die Sonne schon lange Schicht gemacht hat. Drei Wochen halte ich das noch durch.

Anfang Dezember fahren wir drei Monate zurück ans schönste Ende der Welt. Ich freue mich, dass Uli diesesmal die ganze Zeit dabei ist, habe aber auch etwas Angst. Kann man große Reise-Geschichten erleben, wenn man seine Heimat ständig dabei hat? Gehen meine Worte verloren, wenn ich sie ausspreche? Werde ich noch schreiben wollen? Alles wird neu sein in der alten Mittelerde.

Vor der Reise habe ich noch einen wichtigen Termin. Den dritten Checkup nach Chemotherapie. Beim letzten war nichts größer geworden, aber es gab noch sichtbare Gefahrenherde. Viele Menschen fragen: „Wie geht es dir?“ Was sollte ich anderes sagen, als dass ich es nicht weiss? Seit einiger Zeit bilde ich mir ein, ein dumpfes Stechen in der linken Bauchregion zu spüren. Hatte ich mir aber schon einmal erfolgreich eingebildet. Ich scheiss auf alle Visualisierungen. Ulis wärmende Hand beamt in den Nächsten alle Angst weg. Die Angst ist  kein Schatten mehr. Eher sowas wie ein ständiger Begleiter, auch am Tag. Ich muss damit leben lernen.

Meistens geht es gut. Heute Nacht mal wieder gar nicht. Ich habe mich sehr eingeigelt. Mich bei wenigen Freunden gemeldet, und andersrum genauso. Spiele Raupe. Bisschen einsam im Kokon, aber wenigstens selbst gesponnen. Ich wüsste nicht, was ich groß bereden sollte, und wenn ich was erzähle, dann nur von viel Arbeit, was mich selber langweilt. Es wird Zeit für Schmetterling.

wolf
baer
schmetterling
bulle


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