Der größte unabhängige deutsche Kitereisen-Blog - 281 Kitepots - 719 Reiseberichte.

Sortierung:

Tierische Zeiten

Post
#503
1311
2012
Di
2:09
Tag
1985
84 views

Ich habe gearbeitet wie ein Ochse, im Fitness-Studio geackert wie ein Gaul. Getanzt wie ein Bär und dazwischen mit Freunden getrunken wie ein Schwein. Gefressen wie ein Wolf, gelacht wie eine Hyäne. Ein ein knappes halbes Jahr nach der Chemo zwitschern meine Ohren immernoch, und meine Haare fangen an, sich zu kräuseln wie Schafswolle

Alles in allem kann ich echt sagen, dass die letzten drei Monate die tierischste Zeit meines Lebens waren. Vor allem tierisch anstregend. Ich will endlich wieder unsterblich sein, und da das nicht geht, will ich mich wenigstens so fühlen. Also tu ich, was ich kann und geh bis an alle Grenzen. Bisher habe ich noch keine gefunden, und das macht mir Mut. (mehr …)

wolf
baer

Chrigu sterben sehen

Post
#499
0609
2012
Do
7:07
Tag
1917
83 views

Ich weiss nicht mehr genau wann ich den Film zum ersten Mal sah. Irgendwann im letzten Jahr vermutlich. Ohne Krebs schaut man sich solche Filme nicht an. Beim ersten Mal sah ich nur das Ende. Ein Schock. Ausschalten. Vergessen versuchen. Beim zweiten Mal erwischte ich den Film in der Mitte und sah das ganze Leid.

Jetzt schaue ich Chrigu das dritte Mal beim Sterben zu. 3sat wiederholt den Film anscheinend ständig. Ich will ihn nicht sehen. Aber ich muss. Es ist meine Aufgabe, wegschauen wäre feige. Wenn nicht ich hinschaue, wer dann? Es ist schwer. Wie die letzten Male werde ich nachher wieder wachliegen und mich fragen: wann? (mehr …)

P1010364
P1010361

Rehabilitation der Reanimation

Post
#498
0309
2012
Mo
17:44
Tag
1914
98 views

Ich bin mitten in einem Zombiefilm. Schmatzen, Schlurfen, Stöhnen und Keuchen sind überall um mich. Sound ist wichtig, doch auch die Maske trägt ihren Teil zur Dramaturgie bei: Leere Augen, blasse Leiber. Dann fliegen wieder ein paar Fetzen Gejammer über den Flur: „Ich sach diä, moinä Gastridis wiäd immä schlimmä, die bringt mich nochma um.“. Gleich schrei ich…

Ja, die Menschen sind alt hier. Sehr alt. Ja, sie haben Gebrechen. Doch beides zusammen macht sie noch nicht zu Zombies. Hierzu werden sie nur durch ihre Gier nach Beileid. Sie jammern über alles, jeden und permanent. In der Reha geht es darum, wieder auf die Beine zu kommen! Doch die Zombies hier beissen sich die selbigen ab und meckern dann „Bäh, Orangschnhaut an Besenreissän schmeckt total scheissä…“ (mehr …)

P1010307
P1010299

Der große Aufzug

Post
#497
2208
2012
Mi
16:51
Tag
1902
83 views

Auf dem weissen Geländer meines Balkons wachsen grüne Flechten. Vier Stockwerke drunter lachen die wenigen Lustigen in einer Runde am Brunnen. Im Gemeinschaftssaal läuft ein Stück Bauerntheater. Ich sitze im Zimmer und schau nach Westen. Ein Schwarm Gänse zieht an der untergehenden Sonne vorüber.

Die Homepage der Reha-Klinik in Wismar zeigte alte Menschen. In echt sind sie noch viel älter. Ich bin mit weitem Abstand der jüngste unter 200 Insassen, und anscheinend auch der einzige. Eigentlich freue ich mich auf’s Altern. Aber derzeit will ich keine Alten sehen. Sie erinnern mich an den Tod. REA statt Reha. Wir sind ein großer Aufzug: Eine Zweckgemeinschaft kommt sich gegenseitig ignorierend wieder nach oben. (mehr …)

P1010238
1

Kleine große Worte

Post
#495
0207
2012
Mo
13:30
Tag
1851
103 views

Ich kann aus Momentaufnahmen kleiner Geschehnisse mit guten Worten große Geschichten bauen. Aber bei großen Momenten fehlen mir die Worte. Letzte Woche habe ich erfahren, daß die vier Monate Chemotherapie wohl gewirkt haben. Die Metastasen in der Lunge sind verschwunden, die Lymphknoten im Bauchraum sind ebenso nicht mehr befallen.

Ich erfuhr es unerwartet früh durch Uli, die meinen betreuenden Oberarzt schon am Tag nach dem CT-Abschluss-Staging fragte. Eigentlich rechnete ich erst knapp eine Woche später zum Ambulanz-Termin damit, das Ergebnis mitgeteilt zu bekommen. Ich hatte keine Lust mehr, mich darüber aufzuregen, dass es wohl unvorstellbar ist, auf solch einen Befund nicht warten zu wollen. (mehr …)

1
P1210515

Ich will nicht mehr…

Post
#493
3005
2012
Mi
6:21
Tag
1818
104 views

Im Bett neben mir erfuhr heute ein neuer Tod von seiner Geburt. Er röchelt und keucht durch die ganze dunkle Nacht. Der Himmel über dem Klinikum leuchtet orange. Als Krebskranker sollte ich Angst vor dem Tod haben. Oder Mitleid. Wenigstens Respekt. Aber ich habe nichts von alledem. Der mich vom Schlaf abhaltende stöhnende Tod nebenan nervt mich einfach zu Tode.

Viele Menschen beschreiben Krebs als große Chance. Oder Befreiung. Ich habe immer versucht, in allem Schlechten das Gute zu sehen, und es oft geschafft. Aber nicht hier. Freier geht nicht. Offener geht nicht. Die Freunde, die mir wichtig waren, zeigten mir, dass sie es zurecht sind. Die, die schwiegen, hätten eh schon längst weg sein sollen. (mehr …)

1
2

Systemneustart

Post
#492
1105
2012
Fr
6:15
Tag
1799
105 views

Die Studie aus den USA hat wohl nicht recht. Meine Ärzte sind nach deren Analyse der Ansicht, dass die zur gewünschten Wirkung benötigten niedrigen Glukosespiegel nur im Reagenzglas oder bei sehr kaputter Leber mit weniger als sieben Tagen Fasten erreicht werden können. Das ist einfach zu viel – und dann definitiv nicht mehr hilfreich.

Nach vier Tagen ohne Essen beende ich das Fasten und verfalle in Appetitlosigkeit. Ich kann nichts besser machen. Aber die Chemo wirkt. Die Nebenwirkungen sind schon im Klinikum viel stärker als beim zweiten Zyklus. Trotz Fasten, Pillen, Infusionen und Spritzen ist mir fünf Tage lang fast permanent übel. (mehr …)

1
2

Wenn’s Oarscherl brummt…

Post
#491
0405
2012
Fr
10:58
Tag
1792
137 views

… is as Herzerl g’sund! Zweieinhalb Monate Todesangst waren einfach genug. Gestern kam die gute Nachricht: Die Chemo schlägt an. Die Metastasen in der Lunge sind nur noch in Ansätzen sichtbar, die Lymphknotenmetastasen im Bauchraum schmilzen ebenfalls im Cisplatin. Das bedeutet nicht, dass ich gesund bin. Aber meine Heilungsaussichten verbessern sich damit deutlich.

Eine Studie aus den USA weist darauf hin, dass kurzzeitiges Fasten vor und zur Chemotherapie deren Wirkung verstärkt – und die Nebenwirkungen verringert. Ich faste seit mittlerweile 72 Stunden ohne jegliche Nahrung. An Tag zwei der Chemo ringe ich dem Arzt ab, auch jegliche Glucose-Gabe via Infusion abzustellen, denn nur so werden die Blutwerte auf die in der Studie verzeichneten nötigen fallen. (mehr …)

3
1

The Night Before

Post
#490
0205
2012
Mi
23:16
Tag
1790
138 views

Zum Beginn des 3. Zyklus vergisst der Stationsarzt meinen CT-Termin. 18 Tage Vorankündigung für die Kontrolle, ob die Chemo wirkt, waren zu knapp. Mögliche Geistesstützen ersinnend huldige ich seiner Schludrigkeit. Eine Nacht auf dem Ceranfeld auf Stufe 8? Da würde er vermutlich immernoch besser schlafen als ich.

Immer wieder spüre ich ein Ziehen in der Lunge. Manchmal auch im Bauch. Klar, wer mit Lungenmetastasen nicht zum Psychosomatiker wird, muss echt ein eiskalter Hund sein. Also versuche ich, mich immer wieder über alles zu freuen, was ich spüre: Die Chemo vernichtet Krebszellen. The Night Before ist hart, aber immernoch deutlich besser als The Day After. (mehr …)

PICT0734
20112010099

Einfach nur tanzen

Post
#488
2204
2012
So
1:54
Tag
1780
110 views

Feste soll man feiern, wie sie fallen. Angies Examen fällt gut auf Mellys Geburtstag. Freunde kommen von weit her. Das Fest im Lederer ist schön, auch wenn ich recht platt bin. Alles ist besser als einfach nur schlapp daheim rumliegen. Reden, trinken, viel zu spät essen. Heute soll mein Magen einfach zurecht sein Höllenfeuer abbrennen dürfen. „Leben“ ist der deutlich größere Teil von „überleben“.

Einfach nur leben reicht nicht. Ich will auf eine zweite Feier. Mein Wort gilt. Ziel ist eine vermutlich große Party der Gebrüder Mayr im TUS. Kurz nach Mitternacht sag ich: „Auf!“. Meine kleine Herde folgt mir durch den einsetzenden Regen einen guten Kilometer auf dem Rad. Die Feier ist noch nicht wirklich am laufen. Wir kennen niemanden. (mehr …)

z
dancefloor

Die Welt brennt

Post
#487
2004
2012
Fr
23:01
Tag
1778
97 views

Die ganze Welt brennt. Überall. Mit meinem Bauch fängt sie an. Nach Drei Tagen ohne Appetit auf der Onkologie habe ich in Freiheit wieder einen Bärenhunger. Ich bekomme wenig runter – und zahle dafür trotzdem einige Nächte mit unglaublichem Sodbrennen. An Schlaf ist kaum zu denken. Entweder Hunger oder Feuer, dazwischen gibt es eine Woche lang nichts.

Auch ohne die volle Keule der Nebenwirkungen gespürt zu haben, glaubte ich an die Kraft des guten Gifts. Jetzt bekomme ich die volle Keule – und glaube noch mehr daran. Mir ist perment flau, ich bin müde, kein Schlaf hilft. Jede Geistesregung strengt unglaublich an. Für den Weg zum Briefkasten benötige ich zwei Verschnaufpausen, der Gang zur Bank gleicht einer Himalaya-Expedition ohne Sauerstoffflasche. (mehr …)

1
2

Dunkle Tage / lichte Nächte

Post
#486
1504
2012
So
15:58
Tag
1773
143 views

Mein Tag/Nacht-Rhythmus zerfällt zu Staub. Ich wache morgens um drei Uhr auf. Schreibe einen Brief an die Pflegedienstleitung. Die Unterbelegung auf der heftigsten aller Stationen betrifft micht auf zwei Arten: als an Krebs erkrankter Patient und als Freund von Uli. Meine Worte sollen etwas ändern. Die Alarmlichter der Infusomaten blinken hell in der Nacht.

Die Station steht Kopf. Auf den Gängen tobt tagein tagaus eine Kakophonie von Alarmsignale. Das Pflegepersonal rennt dem Notstand hinterher. Und egal wie eng ihre Zeiten sind: Wann immer du mit ihnen als Mensch redest, nehmen sie sich immer alle Zeit der Welt. Himmel auf Erden in der Hölle. Danke euch allen! (mehr …)

3
1

Die Wutprobe & der 2. Zyklus Chemo

Post
#485
1204
2012
Do
19:43
Tag
1770
90 views

Ein wichtiger Mensch stellt massiv alles in Frage, wofür ich kämpfe, woran ich glaube – und damit dass ich den Krebs überleben werde. Zehn Tage lang schlafe ich sehr wenig und wende alle meine Kraft auf, ohne Wut zu antworten. Danach fühle ich mich kraftlos und gehe wieder ins Uniklinikum zu meinem 2. Zyklus Chemotherapie.

Für die ersten sieben Tage auf der Onkologie wurden mit etlichen teuren Untersuchungen wie MRT und CT gerade mal 2300 € abgerechnet. Es ist eine Schande, dass menschliche Arbeit so vollkommen unter Wert verkauft wird, Medikamente dafür hoffnungslos überteuert. Die Pharmalobby ist der beste Freund des Pflegenotstands. (mehr …)

12042012077
12042012079

Sie leuchten

Post
#483
0204
2012
Mo
11:11
Tag
1760
66 views

Die Haare fallen langsam aus. Ansonsten bleibt alles gut, bisher hab ich fast keine Nebenwirkungen der Chemo zu spüren bekommen. Einmal war mir schlecht, aber nur wegen reichlich Alkohol und Tanzen auf Sublime. Danke, Ayli! Uli nimmt mir viel ab. Ich krieg Chemo, sie hat keinen Appetit und mutiert zum Siebenschläfer. Die Restbelastungen sind alle psychisch.

Permanent gut zu denken, aber zu wissen dass es nichts zu wissen gibt bis Mitte Mai ist hart. Ich bemühe mich um begleitende Psychotherapie. Laut allen Ärzten ein wichtiger Baustein bei der Genesung. Aber meine geliebte Central KV zahlt keinerlei Psychotherapie. Yoga genausowenig. Sie lassen mich allein, wach in der Nacht und oft verzweifelt bei fast komplettem Einkommeneinfall. Danke! (mehr …)

3
1

Ohrensausen

Post
#482
2703
2012
Di
9:49
Tag
1754
56 views

Nach fünf Tagen Chemo werde ich entlassen. Der Frühling ist da. Die Vögel zwitschern. Ich fahr heim und räume meine Sachen auf. Kaufe Futter. Wasche, koche und esse. Lebe. Freunde kommen und fragen. Ich freue mich, aber die Fragen sind alle gleich und in ihrer Wiederholung schwer. Die beste Frage stellt mir ein kleiner großer Mann: „Was machst du, wenn du überlebst?“.

Krebs verändert Menschen für immer. Sie werden offener, direkter, leben gesünder. Vermeiden Stress, gehen auf Reisen, feiern mit Freunden, meditieren, singen lautstark Lieder und finden ihren Sinn des Lebens. Mein Problem: bis auf das Rauchen aufhören hatte ich alles schon erledigt. (mehr …)

1362750_12289480
P1200787

Wieder gesund werden

Post
#481
2103
2012
Mi
9:30
Tag
1748
58 views

Ich lese einige Bücher, brauche das Gefühl, etwas tun zu können. Ein Standardwerk für Krebspatienten ist „Wieder gesund werden“ von Carl Simonton. Er arbeitete seit 1970 als Psychoonkologe an verschiendenen renommierten Kliniken in den USA.  In seinem Buch weist er sehr logisch klingende Zusammenhänge zwischen Geisteszustand und Gesundheitszustand auf, und auch wie man darauf aktiv Einfluss nehmen kann.

Die Hauptaussage ist, dass der Geist das Immunsystem anregen kann, und dieses ist ein wichtiger Teil im Kampf gegen Krebs. Jeder Mensch hat Krebs, immer. Aber das Immunsystem hält die falschen Zellen in Schach. Bei mir hat es versagt. Ich bin nicht schuld, aber ich kann etwas besser machen. Simonoton weist Zusammenhänge auf, die mich überzeugen. (mehr …)

P1020147
P1020317

Krebs in Zahlen und Köpfen

Post
#480
1803
2012
So
20:10
Tag
1745
64 views

Ich bin Webdesigner und in dieser Funktion auch Suchmaschinenoptimierer und damit Statistiker. Über die Gesundheit und den Erfolg meiner Homepages sagen mir die Statistiken viel. Jede ist anders zu lesen. Es gibt wenig absoluten Zahlen. Aber es gibt Trends. An diesen halte ich mich gerade in meiner Krebserkrankung fest.

Freunde berichten per Mail von neuen Krebserkrankungen in der Familie. Krebs ist keine Seuche. Aber im Laufe seines Lebens erkrankt derzeit wenigstens jeder Vierte Bundesbürger an Krebs. Alle Arten in einen Topf geworfen stirbt jeder Fünfte daran. Frag mich bitte keiner, wie das zusammengeht mit einer Gesamtüberlebenswahrscheinlichkeit aller Krebserkrankungen von 50%, weiter unten auf der gleichen Infotafel. (mehr …)

3
1

Von Hirnzellen und Spermien

Post
#479
1603
2012
Fr
15:01
Tag
1743
68 views

Der geniale Walter Moers konstatierte schon vor langem, dass der männliche Samen beim Homo Sapiens aus abgestorbenen Gehirnzellen bestünde. Über das Rückenmark gelängen diese zum Penis und würden somit im Laufe eines durchschnittlichen Lebens zum Verlust von ungefähr einem halben Eimer Hirnmasse führen.

Alzheimer und Demenz sind somit keine Folge von Stoffwechselerkrankungen, sondern schlicht und einfach Zeichen eines einstmals erfüllten Sexuallebens. Auch die Aussage, Männer würden nur mit dem Schwanz denken verliert hierdurch etwas an Härte: Ja, wir Männer denken zwar oft mit dem Schwanz, aber opfern euch Frauen für Sex auch bereitwillig beträchtliche Teile unseres Resthirns. (mehr …)

3
1

Aus dem Beipackzettel Chemotherapie

Post
#478
1603
2012
Fr
12:03
Tag
-2747
61 views

Krebs ist unkontrolliertes Zellwachstum: Seine Anhänger reagieren nicht mehr auf Stoppzeichen des Körpers. Ein Fehler macht Krebszellen stärker als normale Zellen. Sie betreiben eine aggresive Expansionspolitik. Das einzige was sie auf natürliche Weise stoppt ist oft der durch sie hervorgerufene Tod des Wirts. Krebs verhält sich also fast wie Mensch zu Erde.

Würde ich wegen Krebs nicht um mein Leben kämpfen, müsste ich ihn bewundern. Er zeigt viele Charakteristika, mit denen man es als Mensch heute weit bringt. Bei seiner egoistischen Expansion setzt er rücksichtslos die Ellbogen ein. Er huldigt dem ewige-Jugend-Kult. Und er ist aufgrund seiner Komplexizität ähnlich schwer angreifbar wie international operierende Banken. (mehr …)

P1000044
P1000042

Vor dem Krieg

Post
#477
1403
2012
Mi
19:53
Tag
1741
65 views

Ich stehe vor dem größten Krieg meines Lebens. Ich bin ein Kämpfer, hab zahlreiche Schlachten überlebt. Doch Krieg ist mehr. Ich habe Angst, denn meine Gedanken sind schwarz. Sie sehen immer nur den Tod, sobald ich auch nur eine Sekunde die Zügel locker lasse. Mein Kampf wird im Kopf stattfinden. Ich will an das Leben glauben.

Glaube ist hart in Zeiten von Tsunamis und reichlich nah ans Wasser gebauter Heimat. Jede Mail von Freunden ist gut – und schleudert mich mitten ins Wasser. Einen Kilometer schwimmen erscheint angebracht, danach Dampfbad und mein Kopf ist kühler. Eine Tafel im Gelagesaal aufbauen. Burg putzen. Essen räubern. Kampfwagen waschen und Rüstung polieren. Hier soll alles passen, wenn ich in den Krieg ziehe. (mehr …)

frank
P1000018

Mission Mannheim

Post
#476
1303
2012
Di
18:15
Tag
1740
64 views

Es gibt viel zu tun, und nie genug. Meine Heilungschancen stehen gut, aber ich muss mich sofort um viel Unerfreuliches kümmern. Ich verarzte meine Kunden und schaufle die Arbeit der letzten Tage weg. Brauche Ruhe. Ich werde nicht sterben. Trotzdem: kein Testament zu haben wäre gegenüber allen Hinterbliebenen grausam. Also schreib ich eines.

Uli will Kinder mit mir haben. Nach einseitigem Hoden-OP wäre das noch gut möglich. Nach Chemotherapie mit höchster Wahrscheinlichkeit nie wieder. Cryokonservierung ist angesagt. Wir suchen lange im Internet, die Krankenkasse zahlen nur bei Frauen 50% der hohen Kosten. Männer haben gesundheitsrechtlich betrachtet auch bei meiner Diagnose kein Recht auf Kinder. (mehr …)

3
1

I can’t get no sleep

Post
#475
1003
2012
Sa
6:39
Tag
1737
51 views

Ist mir nicht neu. In meiner Jugend ratterten die Gedanken sobald das Licht aus war lauter als polnische Güterzüge. Das war schlimm, aber irgendwann einfach vorbei. Schlaf ist das Geschenk für Menschen in der Mitte. Jetzt lieg ich wieder wach. Nach nur fünf Bier, drei Schnaps und drei vollwertigen Abendessen freute ich mich darauf, ohne Schlaftabletten Traumfänger zu spielen.

Zu früh gefreut. Es ist fünf Uhr morgens. Nach 3 h Schlaf ist mir schlecht. Meine Gedanken sind schwärzer als die Neumondnacht. Ich, der ich immer rede von der Kraft des Willens, der soviel auf Stärke gibt. Ich, der darauf pocht, dass Heilung und Hoffnung mit H beginnen: hab jegliche Kontrolle über meine Gedanken verloren. Sie denken was sie wollen, wann immer sie wollen und in dezenter Speedmetal-Lautstärke. (mehr …)

1367218_71944998
P1000004

Das große Zittern

Post
#474
0903
2012
Fr
16:38
Tag
1736
57 views

Die weiteren Bestrahlungen verlaufen besser. Mir wird nicht mehr schlecht, an die Geräusche der Maschine gewöhne ich mich. Nach der dritten Bestrahlung folgen einige weitere Untersuchungen. Da ein Lymphknoten nahe an der Niere liegt wird ein Funktionstest gemacht. Danach folgt ein Lungen-CT, um zu sehen, ob es sonst noch was gibt. Bisher gibt’s nur ein aktuelles Abdomen-CT.

Ich bitte die Schwester gleich um mündlichen Befund. Der Sekundenzeiger der Wanduhr kreischt bei jedem Ruck. Eine halbe Stunde später frage ich nochmal. Die Tür zum Befundungsraum geht auf. Zwei Ärzte blicken vom Schirm rüber zu mir. Eine Ärztin meint, Befunde gingen prinzipiell nur an die überweisende Station. Ich hab eine ganz schlechte Vorahnung. Sie hält den ganzen Tag, während ich mich mit Arbeit ablenke. (mehr …)

1
2

Strahlenkrankheit für Anfänger

Post
#473
0603
2012
Di
22:28
Tag
1733
70 views

Habt ihr eine Ahnung, wieviel Geld BMW ausgibt, um den perfekten Sound für schließende Türen zu kreieren? Ich weiss es nicht, aber nach der letzten Reportagen denke ich: Unmengen. Das ist so krank. Als ob Türen beissen oder sonstwie Angst machen könnten. Heute ist meine erste Bestrahlung. Ich liege im Keller des Uniklinikums auf einem kalten Tisch.

Ein radioaktiver Kopf rotiert um mich herum. Der Sound des Motors geht noch: leises surren, rattern, stop. Der Sound des Öffnungmechanismus für das Strahlenfenster dagegen ist ein Meisterwerk psychoakustischer Ignoranz. Ridley Scott zermatscht ein kleines Alien in Zeitlupe. Sein hohes Todeskreischen ergänzt meine Bestandsangst perfekt. Da hilft auch das Lächeln der Schwester nix. (mehr …)

1
strahlen

Fortschritt

Post
#472
0203
2012
Fr
4:21
Tag
1729
77 views

Ein halbes Jahr nach meiner Operation habe ich nach der großen Philippinen Kite-Odyssee meine zweite Nachuntersuchung. Sie gibt mir ungeahnte Möglichkeiten, eigenartige Sichtweisen kennenzulernen. Wenn Krebs nach einer OP ohne weitere Therapie die Lymphknoten befällt, dann nennen Mediziner das „Fortschritt“. Denken aus der Sicht der Krankheit.

In meinem Schädel spuken irritierende Bilder tanzender Krebszellen. Sie singen „Geschichte wird gemacht, es geht voran“ oder jaulen im Mondschein zu Westernhagens „Ich bin wieder hier“, während mein Arzt sagt, ich hätte jetzt sogar eine höhere  Lebenserwartung als jemand, der nicht regelmäßig auf Tumore gecheckt wird. (mehr …)

885836_76950803
P1000772
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner