Das Leben geht. Einfach weiter. Heute ist mal wieder Kiter-Stammtisch. Ich freue mich, alle zu sehen, aber bin anders, weiter draussen.. Jedes gute Wort ist Gold. Pac schulde ich seit Monaten Kohle für geleistete Arbeit. Mit dem uralten südkoreanischen Sprichworts, das da besagt, dass man Schulden bei Klöten-Krebsern schnell eintreiben soll, erlege ich ihn letztendlich.
Er läd uns sofort auf ’ne Runde ein, die ich eigentlich schon gar nicht mehr kann, aber trotzdem will. Uli ist müde und geht heim. Ich will weiter. Pac ist wieder Single, seine Freundin hat ihn nach sieben Jahren verlassen. Fühl ich mich ihm wegen der Zahl verbunden, oder glaube ich einfach zu wissen, wie sehr er sie liebte, ohne sie jemals selbst wirklich kennengelernt zu haben?
Es gibt hier noch Kneipen, in denen ich noch nie war. Der Blue Monkey Room ist eine. Alles ist unausstehlich weiss, aber ich fühl mich trotzdem wohl hier. Sollte ich auch, bei dem Pegel. Ich verkrafte derzeit praktisch nichts, gemessen an dem, was Standard war. Bei den gebotenen Alkoholpreisen ist selbiges fast als Glückseeligkeit zu bewerten.
Scala, Indie Night. Pac bringt mich umsonst rein und schmeisst noch ’ne Runde. Langsam ziemlich tilt. Pacs Freund Markus berichtet mir von Freunden, die ihn nach fünf Jahren fragten, warum er noch Single sei. Ich hab ihn einfach rotzfrech nach zehn Minuten gefragt, ob er schwul ist. Und eine halbe Stunde später, ob er deswegen sauer ist.
Ich schreibe viele SMS diese Nacht, will Leute um mich haben, nachdem ich Pac verloren habe. Ein Kiter folgt meiner Spur durch die Nacht, aber wird mich bis zum Ende nicht einholen. Ich bin allein, aber nicht einsam. Ein wunderbares Deja Vu erschlägt mich auf der Couch vor der Bar im Scala: The more things change, the more they stay the same.
Ich beobachte das Leben. Ich bin ganz weit weg, und auch mit nur zwei Prozent objektivem Restrisiko darf ich mir viel mehr Prozent subjektive Angst vor frühzeitigem Abtritt gönnen. Ich sehe die Welt anders. Weiss nicht wie, weiss nur: anders. Und: Ich darf das. Mein Blick ist exakt der gleiche wie vor langen, langen Jahren. Getreu dem Motto, in allem schlechten das gute zu sehen, kann ich nur feststellen: Ich war schon mal viele Jahre kurz vor tot. Ich hasste die Welt, weil sie mich nicht Teil von ihr sein ließ. Der Blick, den ich damals hatte, erspähte Gold in jeder Gosse. Ich habe diesen Blick immernoch. Ich werde ihn weiter nutzen. Der Tod ist mir nicht fremd. Aber wie jeder normale Mensch in diesen Zeiten habe ich ihn so weit wie möglich verbannt. Das war falsch. Egal, wann er kommt: Er war schon immer da. Er lehrte mich vieles. Ich bin dankbar dafür.
Es gibt viel zu tun
Die Todesangst endet so schnell wie sie kam. Am Freitag erhalte ich bei der letzten Untersuchung in der Ambulanz des Krankenhauses die Nachricht, dass mein Hodenkrebs ein reines Seminom Typ 1 war, d.h. geringste Metastasenwahrscheinlichkeit. In den nächsten fünf Jahren muss ich alle drei Monate zur Nachkontrolle mit CT und Röntgen plus Blutwerte. Danach gelte ich als geheilt.
In der Ambulanz empfängt mich Dr. Achmed- oder besser Ach! Med! – schon eine Stunde nach Termin. Er spricht so gut deutsch, dass er fast alle meine Fragen versteht. Manche ist er sogar gewillt zu beantworten, auf andere (Kann ich mit Ernährung was tun?) lächelt er nur gelangweilt. Ich bin alles andere als rechts. Aber wenn’s um mein Leben geht, erwarte ich arroganterweise wirklich perfekte Beratung – in meiner Muttersprache. (mehr …)
Hoffnung
Die Visite am Morgen ist ähnlich herzerweichend menschlich und grundlegend aufklärend wie die am Vortag. Zumindest schafft der Oberarzt schon mal ein paar zusammenhängende Sätze und hält mir dann zwei Bögen wegen Risiken beim CT zur Unterschrift hin. Lesen lassen hält er für überflüssig. Nach zwei Litern Kontrastmittel schau ich in die Röhre. Ich habe wieder höllisch Angst. Das Ding zerlegt mich in Scheiben, das erste mal in meinem Leben. Es wird alles sehen.
Caro kommt später vorbei und sagt, dass bei der Mittagsbesprechnung mein CT nicht vorlag. Vielleicht weil’s so viel zu befunden gibt? Lange kommt kein Arzt, lange schwimme ich. Das CT-Ergebnis ist die wichtigste Prognose für mein Leben. Uli kommt. Dann endlich nach vielen Stunden: der Oberarzt. (mehr …)
Operation „Klöten flöten“
Ich schlafe überraschend gut in der Maschine. Meine OP ist die erste heute, die Fahrt dorthin ein Shoot-Em-Up Game von 1985, Zaxxon in weiss-gelb. Die Landschaft des fremden Planeten bewegt sich nicht von oben nach unten sondern andersrum. Ich erwarte die Angriffswellen der Aliens, aber das OP-Bett wird nicht angegriffen.
Der Narkosearzt ist ein Meister der falschen Fragen. Wie geht es Ihnen? Kein Kommentar. Was wird bei Ihnen heute gemacht? Der rechte Hoden entfernt. Warum nicht beim Chefarzt? Weil meine private Krankenkasse anscheinend die Leistungen stark gekürzt und gleichzeitig die Gebühren binnen fünf Jahren um 40% erhöht hat. Kann ich nicht wechseln? Sicher, mit Krebs nimmt dich jede Private zu besonders günstigen Konditionen. (mehr …)
Warten in der Maschine
Am nächsten Morgen gehe ich in die Maschine. Die Sonne erhebt sich. Ich halte ihr mein Gesicht auf dem Weg nach Osten entgegen. Ich bin ruhig. Meine Aufgabe ist: gehen. Am Empfang bin ich eine halbe Stunde zu früh. Andere Patienten sitzen auch schon da. Die mit dem schweren Weg haben Begleiter. Ich bin froh, alleine hier zu sein.
Nur 48 Stunden nach der ersten Diagnose und satten 15 Minuten Gespräch mit Ärzten hatte ich reichlich Zeit, mich über verschiedenste Quellen selber zu beunruhigen. Ich bin sehr dankbar, als auf einmal eine alte Freundin vor mir steht. Früher war sie Schreinerin, jetzt ist sie Ärztin im PJ. Vielleicht kann sie mir mal ’ne neue Klöte schnitzen. Sie ist der erste Arzt, der mich beruhigt. Die anderen bisher waren emotional drei Grad unter Cyborg. (mehr …)
Volle Kanne
Ich schlafe kaum. Uli geht um sechs Uhr in den Frühdienst. Ab da kann ich nicht mehr schlafen. In der Nacht hat sie mich immer wieder umarmt. Ohne das wäre ich gar nicht eingeschlafen. Wie sollte man sowas allein durchstehen können? Ich stehe auf und schau in einen grauen Morgen. Wenigstens verjagt das Licht die Angst.
Organisation zu einer Zeit, zu der ich seit Jahren nicht gearbeitet habe: Steuerberater bescheid geben. Nächste Vorannmeldung könnte länger dauern. Ein Kunde hat Probleme mit angeblich zu schlechter Bildqualität in seinem Online-Shop. Ja, der hat echt Probleme. Ein paar Faxe ans Finanzamt, lange bevor es öffnet. Dann die volle Kanne: Einlesen in den blauen Ratgeber Hodenkrebs. Wenig später verfluche ich die dank www überall verfügbare Information. (mehr …)
Aus heiterem Himmel
Wenn’s wohl irgendeine für jegliche Tumordiagnose treffende Beschreibung gibt, dann wohl die eine: „Aus heiterem Himmel.“ Insofern ist meine Diagnose „Hodentumor“ heute nichts ungewöhnliches. Erst dreht sich alles ein bisschen, wenn du von der Liege im abgedunkelten Ultraschallraum aufstehst. Du gehst rüber ins Arztzimmer. Der macht dir sofort einen Termin beim Urologen, schaut etwas betroffen und gibt dir dann noch eine paar erste Infos.
Ich hab Glück. Judith ist rein zufällig beim gleichen Arzt heute. Eben hatten wir noch über eine SMS von gestern Nacht gelacht. Ich zieh sie aus dem Wartezimmer. „Rauchen geht in Ordnung“ hatte der Arzt gesagt, also stecken wir uns zwei Kippen an. Ich schau nach oben. Sturmwolken zerreissen einen blauen Horizont. (mehr …)













Frank Woelky, Jahrgang ’73. Kitesurfer seit 1998. Seit 2006 bringe ich Kitesurfen und Webdesign auf mehrmonatigen Reisen abseits ausgetretener Pfade unter einen Hut.