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Rückkehr nach Mindoro

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2023
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23:51
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Die letzten 25 Jahre war mein Leben Kitesurfen und Reisen. Ich war jedes Jahr zwischen drei und sieben Monaten unterwegs. Jetzt bin ich Vater und habe Angst. Geht beides zusamen, oder kommt eines immer zu kurz? Ich bin unendlich dankbar für die Lizenz zum einmonatigen Solo-Reisen.

Nach gut 36h on the road via Mekka und Manila steige ich früh morgens aus der kleinen Propellermaschine in San Jose, Mindoro aus. Am Busbahnhof stellen sich mir zwei halbe Menschen in den Weg. Eine Hälfte ist Russe, die andere Ukrainer. Zusammen reden sie ohne Unterlass und mehr als zwei ganze Menschen.

Einsamkeit ist der Bruder des Reisens. Ich kenne ihn gut. Oft nervt er, egal ob passiv oder aktiv. Heute ignoriert mein Jetlag auf der gut einstündigen Minivan-Fahrt nach Bulalacao beide Varianten. Ein letztes Trike über die steilen Küstenhügel und ich bin an meinem Philippinischen Lieblingsspot bei Kitesurf-Mindoro.com.

Vom verheerenden Taifun zu Weihnachten 2021 ist rein gar nichts mehr zu sehen. Aus Ground Zero wuchsen neue Bäume und ein Restaurant. Die Glamping Zelte wurden durch viel besser belüftete Rundhütten ersetzt. Die Menschen hier sind gut wie immer.

Der Amihan ballert dieses Jahr wie nie zuvor. Schon Wochen vorher kam die Warnung dass ich ob bis zu 50 Knoten auch einen siebener Kite einpacken möge. Das hätte aber mein 23+7kg Konzept gesprengt. Ich reise immer lieber leicht, also wieder nur 10er XR6 und 13er Edge.

In meinen 10 Tagen auf Mindoro bin ich sieben von zehn Tagen mit dem 10er in stets 25 bis 35 Knoten voll angeballert, in Böen bis ans Limit. Gleich am zweiten Tag fliegt mich mein schlechteres Bein mit 10,4 m Höhe ins WOO Asia Leaderboard. Ein Sibire vom Baikalsee toppt das noch um etliche Meter.

Am ersten Tag mit unter 25 Knoten baue ich den Edge 13 auf. Er verliert sofort Luft aus einem gebrochenen Konnektor von äusserer Strut zu Fronttube. Nachdem es mir auf der letzten Reise hierher gleich zweimal ohne Fremdeinwirkung die Tube der äusseren Strut zerrissen hat ist das jetzt der dritte nicht selbst verschuldete Ozone Schaden. Das hier wird definitiv meine letzte Tour mit der teuren Marke. Reparieren lassen kann ich den Ozone wenn überhaupt nur auf Boracay. Die Reiseroute wird angepasst.

Die nächsten Tage ballert der Wind wieder Kapstadt-Style. In den sicher insgesamt vier Wochen auf den Reisen der letzten Jahren hierher hatte ich wohl als einziger niemals Seeigel-Kontakt. Dieses Jahr verbessere ich mein Ranking drastisch. Zwei Seeigel hinterlassen neun Stacheln. Das lokal Antiserum ist Auflösen in Seeigelsuppe aus Essig und Kalamansi. Beim ersten oberflächlichen Stachel reicht das. Die weiteren acht stecken tiefer und entzünden sich nach ein paar Tagen. Alkohol und ein Skalpell machen ihnen den Garaus.

Einmal versemmle ich den Kite nur fünf Meter vor dem Strand. Dieser einzige Bodenkontakt der Session bringt etliche Stachel. Es ist sicher nicht möglich die ganze Bucht von ca. 250 x 200 m seeigelfrei zu halten. Vielleicht gibt es dieses Jahr auch einfach mehr Seeigel. Aber wenigsten direkt am Startplatz sollte alles sauber sein. Dieses Jahr gab es kaum einen Tag ohne anstachelnde Erfahrungen. Einen erwischte es immer. Mein Arm aufs Riff war einer von ihnen.

Als der Wind am neunten Tag einschläft bin ich dankbar. Mein guter neuer Reisebuddy Sebastian, ich und vor allem mein wieder dezent das Jodeln beginnende Knie brauchen eine Pause. Einen Tag fahren wir auf die ca. zehn Kilometer im Norden gelegene kleine Insel Buyayao. Ich hatte sie lange auf meiner „potentiell kitebar“-Liste. Die kleinen korallenumsäumten Felsinseln vor dem traumhaften Sandstrand können den Amihan unmöglich voll abdecken. Doch der steile Berg 100 m dahinter sorgt wohl für Flaute bis 50 m vor dem Strand.

Ein „kleiner Spaziergang“ in eine Fledermaushöhle unterstreicht die Topographie. Auf teilweise kaum erkennbaren Trampelpfaden geht es bei 32° und 90% Luftfeuchte steil bergauf und bergab durch den Dschungel. Umgestürzte Bäume, rutschiger Lehmboden, scharfe Karstfelsen und fiese Stolperschlingen schicken mich mehrfach zu Boden. Nach zwei Stunden krieche ich total hinüber und völlig dehydriert auf die Banka zurück zum Bislig Beach. Ich schlafe nach dem ersten Cola der Reise sofort am Fischernetz ein.

Die Verabschiedung von vielen neuen Freunden aus aller Herren Ländern ist herzlich, aber zum Glück nicht so dramatisch zerfliessend wie nach gemeinsam in Todesangst überlebten Taifunen. Das Trike bringt uns zum Hafen und der FastCat binnen gut vier Stunden auf die nächste Insel.

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