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On The Road Again: Saigon

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2024
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Nie zuvor bin ich so erschöpft auf eine Reise aufgebrochen. Corona brachte erst viel Arbeit. Die Wiederöffnung danach den heftigsten Gewinneinbruch aller Zeiten. Zum ersten Mal in einem Viertel Jahrhundert habe ich eine Festanstellung als Webdesigner gesucht. Dann kommen auf einmal wieder viele große Aufträge. Was bleibt ist der größte Tidenunterschied aller Zeiten – und allumfassende Müdigkeit.

Beim Abschied am Flughafen sind die letzten Worte der Kleinen „Papa warme Hände“. Das ist das liebste Kompliment, das sie einem Webdesigner mit eigentlich chronisch kalten Händen machen kann. Ich werde sie sehr vermissen. Doch es ist höchste Zeit für mehr Schlaf, heftigen Workout und massig Big Airs an einem der windigsten Spots ganz Asiens. Keine anstregenden Expeditionen. Um es vorwegzunehmen: der Plan schlägt direkt nach Ankunft in Saigon fehl.

Da die Winde in Phan Rang praktisch alles zwischen 15 und 50 Knoten bieten können reise ich erstmals seit sicher zehn Jahren mit drei anstatt zwei Kites. Meine Core XRs begleiten mich in 7, 10 und 12m². Minimalismus bleibt trotzdem Trumpf. Eine ultraleichte Reisetasche auf einem Brett mit Rollen nimmt 7er, 10er, Splitboard, Beschläge, Harness und zwei Bars auf. Drei Kilo Kleidung und ein Pumpschlauch passen noch rein. Dann ist sie mit 21kg voll belegt. Die Pumpe bleibt im Heimaturlaub und das Linearmaß von 158 cm unterschritten.

Der Sicherheitscheck in München will erstmals meine Reiseorgel und Midimix nicht näher inspizieren. Das freut ungemein ob der auf früheren Reisen öfters mal angedrohten Demontage. Musizieren auf Reisen ist jetzt wohl auch ein Trendsport. Nach zehn Stunden Flug lande ich früh morgens in Peking. Der gigantische Flughafen ist ein Eisschrank. Selbst in den Kite gewickelt schlafe ich nur kurz und wache zitternd auf.

Ich checke die staatliche Zensur. Internet geht weiterhin nur mit Pass-Scan. Facebook, Whatsapp und wirklich sämtliche Google Produkte inclusive Android Mail blockt China komplett. Alle deutschen Nachrichtenportale ebenso. Irgendwie schaffen Sie es auch den VPN Button in Opera zu killen. Sucht man via cn.bing.com auf Deutsch nach „Opera VPN aktivieren“ kommen einzig chinesische Seiten. Heise geht nicht, Golem schon. Wenigstens FTP läuft. Die große Mauer ist noch höher geworden – und das arbeiten beim siebzehnstündigen Stopover schwerer.

Auf der Innenseite der Toilettentüren des Flughafens von Peking fordern Schilder auf „Please lock the door for your cenvenience.“ Chinesen vergessen das gerne. Die Kloschüsseln sind für Doppelbelegung beim kommunistisch-korrekten kacken (kkk) in der Tat unbequem eng.

Am Abend geht es weiter auf den letzten vier-Stunden-Hupfer nach Saigon. Russen haben dieses Jahr eingschränkte Urlaubsoptionen. Sie belegen die Hälfte der Boeing 737-800 nach Saigon. Nach dem gestrigen Riss in einem Cockpitfenster bei genau diesem Flugezeugtyp fühle ich mich genötigt die vor mir keck aus der Lehne herausragenden Sicherheitshinweise um ein „stay away from the windows“ zu ergänzen.

Die Passkontrolle in Saigon dauert ewig. Leider kommt die ultraleichte Kitetasche etwas ramponiert vom Band. Aber das Taxi zum gebuchten Busstop nach Phan Rang ist schnell und günstig. Ich warte drei Stunden bis zur geplanten Abreise um 5:30. Auch eine Stunde später ist der Bus noch nicht da. Ein paar helfende Vietnamesen rufen die Busfirma an. „Kommt noch“, meinen Sie. Aber Vietnam bleibt Vietnam. Frage vier Menschen nach dem Weg. Jeder hilft, und zwar jeder mit einer anderen Aussage. So auch der um sieben Uhr ankommende Officer der Busfirma. Fünf Telefonate später ist klar: mein Name stimmt, der Ort auch, aber der Bus kommt trotzdem nicht mehr. Große Freude nach 40h on the road mit wenigen Stunden Schlaf macht sich breit.

Der Officer packt mich plus 30kg Kitegepäck hinter einem alten Opa auf ein Motorrad. Ich rechne mit einem kurzen Ritt zum nächsten Busstop. Ist nicht. Durch die unvorstellbar dichte Rush Hour rasen wir 20 km aus Saigon raus dem Bus hinterher. Die Füsse haben dank Kitebag zwischen uns keinen Platz auf den Rasten. Ich halte sie eine knappe halbe Stunde wie ein Frosch kurz vor dem Absprung schräg nach hinten oben hoch bis die Schenkel brennen. Mein Opa rast wirklich gut. Er hat nur vier Beinahezusammstösse.

An einem siebenspurigen Autobahnkreisel ohne Seitenstreifen setzt er mich ab und bekommt einen Tageslohn Trinkgeld. Weitere vier Telefonate, einen weiteren helfenden Vietnamesen sowie einen Kilometer weiter sehe ich den Lichtern des Busses beim Abfahren hinterher – während Opa mal wieder telefonierend nach dem Weg fragt. Schreien. Winken. Der Bus fährt rückwärts die Autobahnauffahrt zurück. Der bereits abgelegte Helm ist hier und jetzt definitiv die kleinste Gefahr. Ich springe an Bord schreibe vom Wahnsinn. Danke für das Warten, das Helfen und das Chaos! Fix und alle schlafe ich in meinem vollwertigen Bett nach Phan Rang ein.

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