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Rehabilitation der Reanimation

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#498
0309
2012
Mo
17:44
Tag
1914
98 views

Ich bin mitten in einem Zombiefilm. Schmatzen, Schlurfen, Stöhnen und Keuchen sind überall um mich. Sound ist wichtig, doch auch die Maske trägt ihren Teil zur Dramaturgie bei: Leere Augen, blasse Leiber. Dann fliegen wieder ein paar Fetzen Gejammer über den Flur: „Ich sach diä, moinä Gastridis wiäd immä schlimmä, die bringt mich nochma um.“. Gleich schrei ich…

Ja, die Menschen sind alt hier. Sehr alt. Ja, sie haben Gebrechen. Doch beides zusammen macht sie noch nicht zu Zombies. Hierzu werden sie nur durch ihre Gier nach Beileid. Sie jammern über alles, jeden und permanent. In der Reha geht es darum, wieder auf die Beine zu kommen! Doch die Zombies hier beissen sich die selbigen ab und meckern dann „Bäh, Orangschnhaut an Besenreissän schmeckt total scheissä…“

Ich spüre: was ich hier mache ist gut. Viel Bewegung, und wenig schlechtes Essen. Mist, jetzt motz ich auch schon. Es ist schwer, nicht ständig an den Tod zu denken, wenn es in jeder Ecke danach riecht und überall danach aussieht. Ich hab nichts gegen die Alten. Aber ich hasse es, täglich zu sehen, wie schwer geistige Adipositas ist. Die fetten Zombies fressen dünne Hoffnung. Ihre und meine. Nachts liege ich oft wach, und die Angst fährt mal wieder im Panzer Amok über den feuchten Strand.

Sogar meine liebe private Krankenkasse gönnt mir Reha, also muss es ja für etwas gut sein. Man munkelt, die Langzeitprognose würde gerade für Krebs durch die Reha verbessert werden. Mag im Schnitt stimmen. Aber wenn man das ganze mal nach Alter aufschlüsselt, sieht das sicher vollkommen anders aus. Alleine wegen meiner scheinbaren Fitness und Lebensbejahung fühle ich mich dazu verpflichtet, ein Spontan-Rezidiv zu entwickeln.

Auf den Gängen hängen überall trauernde Kunstdrucke. Sie wurden nach Belanglosigkeit, Bedeutungslosigkeit und vor allem Buntheit ausgewählt. Igor Levasbon, Rosina Wachtmeister und Jack Roberts. Das ergibt einen ganz reizenden Kontrast zu den davor jammernden Zombies. Geht man schnell vorbei, vermischt sich alles zu Grau, aus dem pro Meter ein Dutzend gekeuchte „Moin“ entfleuchen.

In der Lobby bleibe ich vor einem Plakat stehen, das die kommenden Abendveranstaltungen bewirbt. DJ Erny spielt am Mittwoch um sieben in der Cafete zum heiteren Krücken-Schwingen auf. Bunte Corel Draw 7 Clip Arts mit Paartänzern zieren den Hinweis. Donnerstag folgt ein geselliger Abend mit Bildern aus Südfrankreich im Clubraum. Freitag gibt Gunter mit seiner rosa Western-Klampfe Country-Songs zum Besten, und Montag folgt das absolute Highlight der Woche: Volker M. wird mit seinem Keyboard des Todes Zombies reanimieren. Er trägt eine viel zu kurze Krawatte, die notdürftig von seiner Hackfresse und dem viel zu engen Jackett ablenkt.

Mitten in diese Szenerie platz auf einmal ein Bursche aus der Heimat. Wir sind sofort weg. Der Wind luscht heute leider, aber das macht nichts. Hauptsache weg aus der gruseligen Hütte am Waldesrand. Auf einer Kartbahn spielen wir eine angenehme Runde „Fast & Furious“. Abends eine kleine Kneipentour durch Wismar. Selbst eine leere Kneipe ist hundert Mal lebendiger als Reha. Die zweite Kneipe ist auch noch voll, dort snacken Wismarer Türken mit Platt-Einschlag. Hört sich fast schwedisch an. Leben. Tanken. Meine Reha. Danke, Tobi.

Am nächsten Morgen geht’s mir gut: ich hab einen dicken Hangover und fühl mich genauso wie meine Mitinsassen aussehen. In der Gruppe progressiven Muskelentspannung fängt das Walross neben mir nach einer Weile an zu schnarchen. Ich halte mein 9-Punkte-Schild nach oben. Die Psychologin findet das nicht witzig, ich schon.

Die Reduktionskostschulung ist eine lustige Gruppe bunter Hängebauch-Schlümpfe jenseits der 140kg. Sie beweihräuchern ausgiebigst gegenseitig ihr umfangreiches diätisches Vorwissen und loben mannigfaltige unternommene Anstrengungen, wie z.B. durch den Ersatz von Butter durch Ketchup Gewicht zu verlieren. Sogar die Gruppenleiterin stellt irgendwann ihren Lehrauftrag ein und grinst mit meiner verzweifelnden Mimik um die Wette.

Wer jetzt glaubt, das hier sei böse, der irrt. Unter dem stressauslösenden Entzug von Zucker in Kombination mit Bewegung mutieren hier einige Mecker-Zombies zu freien Radikalen. Am besten bekommt man diese Szenen am abendlichen Buffet mit. Die Frau, die sonst immer so auffallend lieb grüßt, schreit dann mitten im Restaurant einem Patienten „Du Hurenbock!“ hinterher. Übersetzung für Nicht-Rehaisten: „Du Kurschattenverwalter!“.

Das allerschlimmste aber ist eines: Ich finde keinerlei Ruhe. Es ist nicht ein Kunde, es sind ein Dutzend, 40 Mails am Tag. Jeder will eine Kleinigkeit, und alle zusammen einen Berg. Ich versuche eine Woche lang, das wichtigste zu erledigen. Als die Wünsche immer mehr werden ziehe ich die Notbremse und stelle jegliche Arbeit ein. Mein Leben ist wichtiger als eine neue Grafik auf der Homepage.

Der Wind luscht eine ganze Woche. Ich fahre trotzdem ans Wohlenberger Wiek und sauf eine halbe Stunde bei 12 Knoten ab. Wenigstens gute Menschen dort, und die einzigen sinnvollen Worte. Tags darauf geht gar nichts mehr. Auf dem Weg vom Nichts ins Nirgendwo liegt fünf Kilometer rechts aussen ein Einkaufszentrum. Kik, Adler, Norma: Ich brauche nichts, und davon gibt’s hier viel. Ein Schlagersternchen singt frohe Lieder. Aus purer Verzweiflung entschließe ich mich zu einer Sozialstudie im Spielcenter „Alter Schwede“. Drei küstenvernebelte Zocker-Alkis hängen schweigend vor blinkenden Pechmaschinen. Ich falle endgültig in ein tiefes Loch.

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