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Roadtrip26: Tiefpunkt im Osumi Canyon

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Der Osumi Canyon ist nicht der tiefste Canyon Europas. Einen Tag vor unserer Abreise aus Griechenland setzen wir ihn auf unsere Rückreise-Route. Im wirklich hintersten Bergland Albaniens gelegen steht schon die Anreise zum Osumi Canyon unter überhaupt keinem guten Stern.

Google Maps sagt „ab Meteora mit Maut fünfeinhalb Stunden plus Grenzkontrolle“. Dann schreibt uns die Gastwirtin an: „Anreise via Përmet geht derzeit nur mit Jeep“. Genau das wäre jedoch unsere Route gewesen. Der Umweg schlägt nochmal satte 150 km und zweieinhalb Stunden auf die ohnehin schon lange Reisezeit oben drauf. Zweieinhalb Stunden für 150 km?

Ich liebe kleine Straßen. Je kurviger, desto geiler. Doch in den letzten 60 km von Berat nach Çorovoda finde ich heute echt meinen Meister. Die Strecke ist zwar voll asphaltiert, aber eng und geht wirklich keine 50 m geradeaus oder eben dahin. Sie ist für über eine Stunde eine einzige Achterbahnfahrt.

Google Maps Reisezeiten sind generell eher „zügig“ angegeben. In Albanien sind sie prinzipiell nur weit oberhalb des erlaubten Limits zu erreichen. Nach Çorovoda gibt Google einen Schnitt von 40 km/h vor. Meine 50 km/h Schnitt waren fast schon rasen.

In Çorovoda schlagen wir erst um 16.00 Uhr ein – trotz Abfahrt um acht Uhr morgens und einer dank neuer Zeitzone gewonnenen Stunde. Das Appartment ist tip top. Aber Çorovoda ist einfach nur das erbärmlichste Drecksloch, das ich jemals gesehen habe. Ich mag Dreck. Ich mag alt. Ich mag kaputt. Ich finde immer und überall Gold im Dreck. Hier finde ich absolut nichts.

Eine Kuh grast im „Stadtpark“ neben frei laufenden Hühnern. Die lange geschlossene Tankstelle rostet in 37°C Hitze vor sich hin. Der durch das Dorf laufende Nebenfluss des Osumi ist voller Plastikmüll. Die vermutlich noch aus den Zeiten der Diktatur stammenden Plattenbauten sind nicht arm – sondern einfach nur erbärmlich und endlos dreckig. Das Kulturzentrum ist seit einem halben Jahrhundert geschlossen. Selbst die arme Tschechische Grenzregion war zum Fall des eisernen Vorhangs 1989 deulich ansehnlicher als dieses Drecksloch hier.

Jeder nimmt nur Cash, und die Bank weltweit einmalige 30% Abhebegebühren. Ein kleines Mädchen fragt Steffi „How do you like our city?“. Es ist das erste mal, dass ich meine Frau lügen höre – nach langem Zögern. Der Weg zurück zum Appartment hat mehr Stufen als das höchste Kloster von Meteora.

Wir geniessen das erste echte Bett seit gut drei Wochen. Ein gutes Frühstück mit noch warmen Leckereien der Bäckerin nebenan begeistert alle. Die Menschen sind sehr freundlich, vor allem die Eltern mit ihren abends auf der Straße spielenden Kindern. Trotzdem entladen wir das Auto zum ersten mal auf dieser Reise komplett.

Eine Osmanische Brücke dümpelt seit 1640 hinter einer unlängst halb abgerutschten Straße im Nebental. Im Bunker dahinter liegen alte Weinfässer unter flatternden Fledermäusen. Die nahe Höhle von Pirogoshi erreichen wir wegen aggresiven Hirtenhunden nicht. Die sind wohl „etwas“ schärfer. Hier oben leben noch Wölfe und Braunbären. Die Kleine sagt immer wieder „sie mag mein Bärenfell“. Wie genau unterscheiden Albanischer Hirtenhunde? Zurück zum Auto. Die Straße mündet sofort wieder in eine löchrige steile Schotterpiste. Ich hab die Schnauze voll.

Nach Çorovoda sind wir eigentlich nur wegen dem Osumi Canyon gekommen. Rafting Touren kann man in der Regel nur bis Mai machen, wenn der Wasserstand wegen der Schneeschmelze deutlich höher ist. Jetzt im Juni bleibt nur das River Tubing im niedrigen Wildwasser.

Die „drei bis dreieinhalb Stunden am Wasser“ enden nach genau eineinhalb Stunden, fünf Kilometern und 38 €. Ja, der Osumi Canyon ist wirklich wunderschön, steil, hoch und an manchen Stellen gerade mal drei Meter breit. Aber ich bin aus Regensburg. Es liegt nur 30km vom Bayerischen Grand Canyon entfernt. Er ist kaum weniger spektakulär.

Der Veranstalter Albanian Rafting ist Bullshit – mit sehr freundlichen Guides. Jeder Teilnehmer bekommt einen halben Liter Plastikwasser zum Start. Genau diese Flaschen liegen im Osumi Canyon. Auf seiner Homepage schimpft sich Albanian Rafting „nachhaltig“. Dreckige Lüge.

Während Steffi die Nachmittagstour mitmacht schreibe ich den Reisebericht permanent eine Armada Scheisshausfliegen von der schlafenden Kleinen verscheuchend. Abends treffen wir den ersten „nicht nur Tagesausflug von Berat“-Reisenden binnen 36 Stunden. Er ist heute hierher 350 km Trans European Trails offroad mit seiner Husqvarna gefahren.

Unsere Buchung für Dürres wird einen Tag vor Anreise aufgrund Überbelegung abgesagt. Das WiFi tröpfelt mit bis zu 20 kb/s aus der Luft – zumindest wenn man maximal zwei Meter vom Router entfernt steht. Eine neue Unterkunft finden dauert sehr lang.

Am nächsten Tag brauchen wir dringend Essen in Berat. Kein Lokal akzeptiert VISA. Schon am fünften Bankomaten breche ich aus den Dark Patterns aus. Ich bemerke einen kleinen Button, der die Abhebegebühr von 30 auf „nur“ 7,5% senkt. Bis dahin hatte ich aber schon einen öffentlichen Schreianfall.

Die online akzeptabel aussehende Unterkunft in Dürres entpuppt sich vor Ort als das übelste Drecksloch seit Cookooks Nest auf den Phlippinen vor 15 Jahren. Nach 45 Minuten aggresiver Diskussion scheint der zweite zugezogene „Manager“ endlich einzusehen, dass wir das viel kleinere Zimmer für den vollen Preis wirklich nicht wollen. Zumindest hoffe ich das für ihn. Sonst wird er schmerzhaft lernen müssen, welches Gewicht 200+ Booking.con Buchungen im Support haben.

Vielleicht sollte einfach der Tiefpunkt eines Roadtrips auch in einem der  tiefsten Canyons Europas begraben liegen. Wir düsen weiter – wohin auch immer. Tausend in der zweiten Reihe oder mitten im Kreisverkehr parkende Vollidioten, rechts überholende Raser oder übersehene Federbein-Killer-Bremsschwellen halten uns auch nicht mehr auf. Wir wollen langsam wirklich heim…

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