Cuyohuuuuu!

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0602
2019
Mi
16:51
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Manchmal erscheint es, als ob Ziele umso wertvoller würden, je schwerer sie zu erreichen sind. Cuyo gehört voll in diese Kategorie. Gerade mal 100 km Luftlinie von meinem zweiten Kitespot Malalison entfernt in der Palawan See gelegen dauert die Anreise nette 27 Stunden. Banka aufs Festland, Trike, sechs Stunden Backfisch-Bus ohne Klima durch zahlreiche von der letzten Regenzeit noch nicht behobene Bergrutsche hinter San Jose nach Iloilo.

Da niemand zuverlässig sagen konnte, wann die Fähre nach Cuyo ausläuft komme ich vorsichtshalber sechs Stunden früher an. Sie läuft fast pünktlich aus und kommt dank genug Farbe auf 40 Jahre altem Stahl auch durch drei Meter Seegang nach 14 Stunden in einem Stück auf Cuyo an. Gemessen an den 29 Stunden Seekrankheit durch einen Sturm zweier Schweden für den eigentlich acht Stunden dauernden Trip von der anderen Seite aus war mein Schiff das reinste Speedboat.

Cuyo ist wieder so eine Insel, auf der Bob Ross jeden Abend zum Sonnenuntergang wenigstens ein Multipler abgehen würde. Nikis Pension ist voller guter Kiter aus aller Welt und liegt direkt am Strand gerade mal 300 m vor dem größten Flachwasser-Spot der Philippinen. Eine alte Französische Lady BlaBla „erfand“ laut eigenen Angaben ganz furchtbar viele Kite-Spots bevor sie „versaut“ wurden. Sie nervt ausnahmslos jeden mit negativen Geschichten, die keiner hören will – und lächelt in einer Woche im Paradies kein einziges mal. Die zwei guten Schweden bleiben brav sitzen. Ich überleg mit kurz, ob man Glücklichkeit lehren kann, entscheide mich dann aber recht schnell einfach kiten zu gehen.

Der Spot in Cuyo ist ein einziger Traum aus türkisem Flachwasser-Labor über Puderzuckersand an gutem Wind. Der 10er kommt nach nur sechs Stunden für wenig Geld top geflickt aus der Reparatur beim Magier der guten Cuyo Watersports Association zurück. Bis dahin geniesse ich den wunderschönen Spot am Capusan Beach in am ersten Tag recht bockigen 16 bis 24 Knoten am 13er Edge. Richtung Osten gen Stadt wird der offshore-Wind extrem löchrig. Zum Ende der 200 m langen Sandbank hin ist er deutlich konstanter.

In der Bucht gibt es nur am Strand ein paar Steine, sonst ausser vereinzelten Seeigeln am Ende der Sandbank keinerlei Gefahren. Einzig richtung Lee zum Hafen hin sollte man nicht abtreiben. Dort ist das Wasser tief, aber die Fischerboote müssen nur selten jemanden retten. Auf der Aussenseite gibt es nochmals leicht 500 m Flachwasser bis zum Riff – mit einigen auch bei Mittelstand knapp unter der Oberfläche gelegenen Korallenblöcken. Die Aussenseite ist leider nur ab Mitte der Tiden kitebar – darunter muss man weit laufen und hat wirklich sehr wenig Wasser unter dem Brett. Ab der Nordspitze Cuyos kann man stundenlange stehtief-Downwind-Trips zurück nach Cuyo Stadt angehen.

Die Zeit tickt auf Cuyo komplett anders. Sogar die Gezeiten in der Palawan See schliessen sich dem an. Die langgestreckte Insel Palawan im Westen macht das Meer Richtung Visayas zu einer großen Badewanne. So kannst du ohne weiteres mal um neun Uhr Ebbe, 11:30 mittlere Flut, dann nochmal leichte Ebbe und um vier nochmal Flut Höchststand haben. Gerade auf der Aussenseite sollte man die Gezeiten kennen. In meinen fünf Tagen auf Cuyo waren maximal 25 Kiter draussen – auf einer Fläche von leicht zwei Quadratkilometern.

Cuyo ist anders als viele andere Philippinische Inseln. Die Menschen kommen hier aus der ganzen Welt  zusammen, und etliche bleiben deutlich länger als geplant. Die Mischung aus Reisenden und Bewohnern stimmt. Die Polizei verteilt am Molenausgang Flyer mit wichtigen Sicherheitsinformationen: „Lasse deine Wertsachen nicht am Zimmer. Nimm sie nicht mit auf Touren.“ Ich suche ein paar Tage lang vergeblich Schatzvergräber am Strand. Zum Sonnenuntergang treffen sich die Expats unter den Bäumen der Strandpromenade. Alle Kinder fragen nach deinem Namen, und jedes will Drohnenpilot werden. Die Kiter hier sind allesamt freaks by nature – ihre Religion ist der Wind. Ich bin sofort zuhause.

Die zahnlose Oma Heidi kocht im nahen Markt Phlippinische Köstlichkeiten wie Bananenblütenbratlinge. Auch mein geliebtes Kinilaw, roher scharfer Fisch mariniert in Zitrone und Kokosmilch, bereitet sie mir jeden Abend unter etwas gruseligen Zuständen zu. Ich jubel „Es lebe das Immuntraining!“ und verfluche die Sagrotanbomber zuhause. Aromen explodieren im grinsenden Mund und der Bauch gibt  niemals einen Mucks von sich.

Der Wind kommt leider den Rest meiner Woche auf Cuyo nicht mehr richtig in Gang, meistens dümpelt er um 12 bis 17 Knoten rum. Dazu wandert die Flut in die Nacht. Zur Zwischenflut gegen Mittag kann man in der Bucht etwas kiten, aber um so traumhaftes Flachwasser gut zu nutzen hätte ich gerne nochmal 25 Knoten und Flut gehabt.

Die Zeit fließt gemütlich durch meine Tag auf Cuyo. Ich schneide das Video der Odysee und komponiere den Soundtrack dazu unter reger Beteiligung der Kinder von Cuyo. Das Internet ist leider praktisch unnutzbar – nur zwischen Mitternacht und frühem Morgen läuft minimal Webdesign.

Ich miete mir eine kleine Enduro für wenig Geld. Ausser vielen schönen Stränden und Reihern zwischen Mangroven gibt es drei Stunden lang rund um die Insel wenig zu entdecken. Das Erlebnis ist das Motorrad an sich: Handschlag, Führerschein egal, keine Versicherung oder Nummernschild, kein Helm, kein Tacho. Motor und Bremsen funktionieren. Der Rest bringt mich klappernd drei Stunden über jeden Feldweg. 100% Philippinen…

Die Sonne geht wieder mal in einem Farbfeuerwerk unter. Dazu singen die Vögel in den Bäumen. Darunter spielt eine vielleicht 14 Jahre alter Philippino rauchend und Bier trinkend einfache Akkorde auf der Gitarre. Die Mädels aus dem Dorf singen dazu ein fast nur aus Vokalen bestehendes Visaya Wiegenlied. Der Bürgermeister pokert fast noch schlechter als ich, und die jungen Karaoke-Straßenarbeiter freuen sich über ein paar Freibier. Ich weiss wirklich nicht, wann das letzte mal alles trotz wenig Wind so gut,  echt und würdevoll war…

Cuyo Pro

  • traumhaftes Flachwasser und massig Platz
  • wenige Kiter, wunderbar international gemischt – und allesamt Soulsurfer
  • Gute Kiteschule mit Vermietung und Reparatur ums Eck
  • günstige Unterkunft Nikis Pension nahe am Spot
  • echte gemütlich ruhige Philippinen ohne zuviel Tourismus
  • gutes Essen im nahen Markt

Cuyo Contra

  • relativ schwer und unzuverlässig (Fähre) oder teuer (Turboprop Flug) zu erreichen
  • der Großteil des Spots ist erst ab Mitte Tiden sicher nutzbar
  • Internet praktisch inexistent
  • ausser den allabendlichen Tanduhay Rum Runden zum Sonnenuntergang kaum Nachtleben
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