Was ich am Reisen so sehr liebe? Die Überraschungen. Die guten wie die schlechten. Das unerwartete. Alles, was man nicht planen kann. Kreuzfahrer und Dauercamper sind – mit eenigen Ausnahmen – mein natürlicher Todfeind. Es lebe der Roadtrip!
Im einen Moment hast du einfach die Schnauze gestrichen voll. Und im nächsten kannst du dein Glück kaum fassen. Über den Bergen vor Tirana bildet sich eine Superzelle. Es blitzt durch einen Wolkenbruch. Aber wir biegen von der totalen Pleite in Dürres kommend einfach nach links ab.
Tale liegt in einem weitläufigen Flussdelta mit Kanälen und Lagunen. Es ähnelt etwas der Carmargue. Die Straßen laufen kilometerlang geradeaus zum Horizont. Alle paar hundert Meter kommt ein Haus: Barber. Cafe. Minimarkt. Bäcker. Unsere Privatunterkunft liegt fast schon in einer Stadt. Sie besteht aus drei Häusern.
Das kleine Apartment liegt nahe am Strand und doch in unendlich leerer Weite. Der Empfang ist herzlich. Echt. Oma und Opa schenken uns Gurken, Kirschen, Pfirsiche und Eier. Wir revanchieren uns mit vom Restaurant geschenkter Leber.
Der Strand ist weit und leer. Das Bier ist kühl und günstig, der Raki gross und hart. Wir kommen zurück in die Spur – und fahren runter. Der kleine Schlumpf ist überglücklich mit den Zwillingen der Gastgeber. Wellen, etwas Regen, dann Sonne, Stille und die abendliche Jagd nach Moskitos. Das Wifi läuft und die Arbeit ebenso. Der Sand glüht so heiss, dass die Füsse auf der Oberseite Blasen werfen.
Als dann noch – wohl durch die heftigen 37°C angefeuert – recht guter thermischer Wind von 17 bis 20 Knoten einsetzt bin ich endgültig im Himmel. Schnell heim vom Strand. Kites und Board holen. Aufpumpen bei den Fischerbooten, da glüht der Sand nicht gar so heiss. Tale ist alles andere als bekannt für guten Wind und Kitesurfen. Aber heute, hier und jetzt: einfach nur ein Traum.
Die Wellen rollen interessant einen guten halben Meter hoch und über mehrere kleine Sandbänke brechend Richtung Land. Mein linker Meniskus jodelt seit den hohen Sprüngen in Cape Drepano. Egal. Ich hab ja noch ein Bein, und das ist gerade etwas weniger kaputt. Mit dem 13er Edge gehts einige Male im Flachwasser hinter den Wellen unerwartet in vier und mehr Meter Höhe. Nix grosses. Einfach nur Glückseeligkite. Die ist hier den „ohs“ und „ahs“ der badenden Albaner nach zu urteilen bisher recht unbekannt.
Wir gönnen uns ein letztes Mal leistbaren Luxus. Selbst in Top Restaurants auf dem Damm in der Laguna e Patokut kostet ein ausgiebiges Abendessen für zwei gerade mal 45 €. Daheim bekommst dafür mit viel Glück zwei Schnitzel mit Getränken. „Normale“ Restaurants kosten in Albanien die Hälfte davon.
Ich mache meinen Frieden mit Albanien. Das sollte übrigens ganz Deutschland zeitnah tun. Albanien ist das letzte Land, in dem Deutsche Autos die ungeschlagene Nimmer eins sind. Es gibt mehr Deutsche Gebrauchtwagen als in Deutschland. Ungefähr 125% davon sind Mercedes.
Deren Inhaber fahren sogar deutsch: als wären ihre Federbeine aus rohen Eiern. Auch die Lieblingsbeschäftigung der Albaner müsste die gleiche wie die unsere sein: Auto waschen. Jedes zweite Grundstück Albaniens beherbergt eine Auto Lavash. Die Autos sind trotzdem alle dreckig. Sehr eigenartig…










Frank Woelky, Jahrgang ’73. Kitesurfer seit 1998. Seit 2006 bringe ich Kitesurfen und Webdesign auf mehrmonatigen Reisen abseits ausgetretener Pfade unter einen Hut.