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Roadtrip26: Zur Fussball WM in Mostar

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Bosnien-Herzegowina gewinnt in der Fussball-WM mit 3:1 gegen Katar. Damit erreichen sie eventuell das Achtelfinale. Die Folge? Bengalos. Feuerwerk und dicke Bölller. Freudentränen. Autokorsos mir drei Meter grossen Flaggen. Als Deutschland das Halbfinale im Sommermärchen 2006 erreichte war der Jubel deutlich bescheidener.

Wir Deutschen haben die Freude schon lange verloren. Dabei können wir noch immer so viel: Pünktlich. Zuverlässig. Innovativ. Betrachte ich Deutschland 2026, dann erscheint es mir exakt wie das negative Spiegelbild der Bosnischen Fussball-Freude. Wir mosern, jammern, streiten – und vergessen darüber vollkommen, wofür wir stehen.

Der Weg nach Mostar war mal wieder etwas herber. An der Grenze zu Montenegro geht es diesmal mit einer halben Stunde Wartezeit recht schnell voran. Die Einreise nach Bosnien-Herzegowina gute zwei Stunden später dauert deutlich länger. Bosnien-Herzegowina ist Neuland für uns alle. Keiner von uns war jemals hier.

Im grünen Paradies des Dabar Tals gibt es nur ein paar verfallene kleine Siedlungen. Plötzlich stehen wir mitten in einer Grossbaustelle voller Chinesischer Arbeiter. China hat stolz seine Flaggen gehisst. Wir Europäer haben Bosnien lange vergessen. Wie schon in Afrikanischen und Südamerikanischen Ländern eilte China gern „zur Hilfe“. Etwas Recherche bringt eine Riesen Sauerei zu Tage.

Das Karsttal von Dabar ist aufgrund seines schwammartigen Untergrundes mit vielen Höhlen von essentieller Bedeutung für den Wasserhaushalt großer Teile Süd-Bosniens und Kroatiens. Es gleicht Trocken- und Feuchtperioden aus und liefert größtenteils unterirdisch und über weite Strecken viel Wasser in trockenere Regionen von Bosnien-Herzegowina und Kroatien.

Der Chinesische Staatskonzern China Gezhouba Group Company will mit der Export-Import Bank of China und Einverständnis sowie hoher Verschuldung des Bosnischen Landesteiles große Teile des Dabar-Tales versiegeln, Wassertunnel sowie eine 41 m hohe Staumauer bauen. Am Ende soll alles in einem Stausee versenkt werden.

Ganze Gemeinden wurden hierfür enteignet. Das Wasserkraftwerk soll in Zukunft grünen Strom liefern. Doch der Preis wird wahrscheinlich extrem hoch: Austrocknung und Versalzung des Obstanbaugebietes im Neretva Delta in Kroatien. Grossflächige Störungen des Wasserhaushaltes zweier Länder – und vieles mehr.

Mostar hat die gierigsten Parkgebühren. Bei bis zu 60 € pro Tag ist das gute Gewissen den Arbeitsmarkt des Gastlandes bestmöglich zu unterstützen inclusive. Bosnien-Herzegowina hat aktuell eine Arbeitslosenquote von ca. 12 %. Mostar verzeichnet Vollbeschäftigung. Ein Großteil seiner Bewohner arbeitet als Parkplatzschild-Bewacher.

In ganz Mostar stehen noch massig Schrapnell-übersäte Ruinen aus dem Balkankrieg vor gut 30 Jahren herum. Ich hoffe, sie werden bald besser konserviert – aber niemals renoviert. Erstens sind sie das beste Mahnmal gegen den Genozid. Zweitens verleihen sie der Stadt einen morbiden Charme, den selbst Wien nicht toppen kann. Drittens ist die Erinnerung heute wichtiger denn je.

Im Balkankrieg von 1991 bis 1995 hat ganz Europa viel zu lange weggesehen. Der Völkermord war recht früh und eindeutig bekannt. Doch keiner erhob das Wort. Vergleicht man das mit der relativ entschlossenen – und zumindest finanziellen – Unterstützung der Ukraine durch Großteile der EU heute muss man sich schon fragen, warum wir damals so konzertiert wegschauten.

Heute rächt sich Bosnien-Herzegovina jedenfalls mit seinen Museen. Schuldbewältigung scheint ein fester Programmpunkt vieler Besucher aus der EU zu sein. Sowohl die 8 € für das Kriegsfotografie-Museum, aber noch mehr die 10 € für ein paar Plakate im kleinen Genozid-Museum sind blanker Wucher.

Das Marriott Hotel rottet als Ruine auf der Kroatischen Seite Mostars langsam dahin. Laut dem benachbarten Restaurant-Besitzer war es die Geldwaschmaschine eines reichen Russen. Doch die Bosnier mögen keine Waschanlagen und Russen mehr. Das ist so ziemlich ihr einziger gesellschaftlicher Zusammenhalt. Sie exkommunizierten den Russen und schlossen das Hotel.

Unten der Ruine fliesst der kurz unterhalb der alten Brücke in die Neretva einmündende Bach Radobolja. Er ist voller Plastikmüll. Noch nicht einmal direkt neben einem der größten UNESCO Weltkulturerbe-Heiligtümern schaffen wir es, die Lügen der Plastikindustrie zu verstecken. An der Wand darüber prangert eines der vielen politischen Graffiti Mostars:

„The lesson was Srebrenica.
The test is Gaza.“

Das passt wie die Faust aufs Auge an dem Tag, an dem die UN ihre Eier wiedergefunden hat und den Völkermord Israels endlich auch als solchen bezeichnet. Ich juble in schon am späten Vormittag netten 35°C dahinschmelzend. Mostar ist angeblich der heisseste Ort von ganz Bosnien-Herzegowina.

Auch nach dem mit 14 Millionen Euro von der EU gesponsorten Wiederaufbau der alten Brücke im Jahr 2004 ist Mostar eine zutiefst gespaltene Stadt. Westlich der Neretva Schlucht wohnen traditionell die christlichen Kroaten. Auf dem nahen Berg Hum haben sie ein riesiges Kreuz errichtet, und auf dem nahen Planinica ein sattes 50 m im Quadrat messendes rot-weisses Schachbrett.

Im östlichen Teil Mostars wohnen die muslimischen Bosniaken. In den Restaurants hier wird zumeist kein Alkohol ausgeschenkt. Irgendwie scheint sogar die serbisch-orthodoxe Kathedrale als Zeichen der Versöhnung auf diese Seite herübergesprungen zu sein.

Die bis heute währende Spaltung geht so weit, dass die gerade mal 75.000 Einwohner zählende Stadt Mostar sogar zwei Fussballvereine hat: einen Kroatischen und einen Bosnischen. Ein Lokalderby birgt hier also durchaus Potential zur Initialzündung des nächsten Balkankrieges. Nur bei der WM sprengen sie sich nicht gegenseitig mit dicken Böllern in die Luft, sondern feiern gemeinsam.

Ganz in der Nähe entspringt der Fluss Blagaj aus einer Höhle hinter einem muslimischen Kloster. Seine Quelle ist mit einem Durchfluss von 40 m³ Wasser pro Sekunde die ergiebigste Europas. Zum Vergleich: das ist fast 1/30 der in der Nacht die Niagarafälle hinabstürzenden Wassermenge.

Der kleine Wasserfall vor der Quelle, dass ein Großteil des Wassers unterirdisch austritt. Es ist mit acht Grad Celsius eiskalt und kommt aus einer Tiefe von über 100 m. Das ist der tiefste Punkt, den je ein Höhlentaucher hier erreichte. Man vermutet, dass Tunnel von über 20 km Länge die Quelle speisen. Jetzt ratet mal aus welcher Richtung? Richtig. Aus dem Dabar Tal.

Ein paar Kilometer weiter unten fließen Blagaj und Bunica an einer bei den Mostarern beliebten aber leider recht zugemüllten Badestelle zusammen. Das Wasser vor den kleinen Fällen strahlt türkis. Je nach Position im Zusammenfluss ist das Wasser zwischen zehn und 18 Grad kalt. Ich wähle heute die zehn Grad, gerade als ein kleiner Staubtornado in 42°C Lufttemperatur umhertanzt.

Auf dem letzten Rückweg aus der Stadt dröhnt laute Musik auf die Straße. Die Mostar School of Rock lädt zum Konzert. Das Musikzentrum wurde 1997 durch die Einnahme aus der „Pavarotti and Friends“ Tour sowie der Single „Miss Sarajevo“ finanziert. Pavarotti war persönlich vor Ort und nannte das Projekt „das stolzeste seines ganzen Lebens“. Sein Name prangert dankbar am Eingang. Wir stürmen das gratis-Konzert. Der Schlumpf sitzt die Pommesgabel schwingend auf meinen Schultern. Ihr Kommentar am Heimweg: „Die haben ganz schön gemetaled!“.

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