Die Erlösung vom Verlust aller 18 Jahre Reisegeschichten kommt erst am nächsten Morgen. Nach einer Nacht fast ohne Schlaf bin ich unendlich groggy. Aber auch voll der Hoffnung, als mein guter Hoster Vautron schreibt, dass sie aus mehreren inkrementiellen Datenbank-Backups meine 750 Reiseberichte wiederherstellen und auch dort vorhandene Datenbankfehler beheben konnten.
Ohne Überprüfung brechen wir ans nächste Ziel der Reise auf. Galtelli liegt im bergigen Hinterland nahe der berühmten Cala Gonone im Osten. Das altehrwürdige Dorf schläft tief und fest. Der Checkin läuft wie so viele andere zuvor komplett online. Unsere Unterkunft für die nächsten Tage ist eine echte Burg, das Castello Malicas. Direkt vor der Burg liegt ein uraltes Felsengrab, drumherum der große grüne Gemeindepark und dahinter der 806 m hohe felsige Monte Tuttavista.
Unser inclusive Bad gerade mal acht Quadratmeter kleines Schlafkämmerchen ist das engste der Reise. Die Kleine kann nachts nicht mal mehr von ihrer Matratze vor unserem Bett fallen – dafür reicht der Platz einfach nicht. Auch in der 60 cm engen Dusche passieren keine weiteren Unfälle. Ich hau mir einige Male heftig den Schädel an Türstürzen auf Augenhöhe an. Kurzum: wir lieben das Castello Malicas.
Abends sitzen wir oben auf dem Burgturm und schauen den Sternen beim um die Wette Funkeln zu. Das nahe Nuoro blinkt auf einem Bergrücken im Westen. Zu alter Musik und gutem schweren Cannonau schwirren die Fledermäuse um unsere Dachterrasse. Ein Dutzend Dorfhunde erzählt in allen Tonlagen und Richtungen Geschichten von Einsamkeit. Wir diskutieren eingehend darüber, ob es nur gerechtfertigt oder gar notwendig sei, wirklich alle Einwohner des nahen Dorfes Onaní als „Wichser“ zu betiteln.
In leichtem Regen brechen wir tags darauf zur nahen Cala Gonone auf. Unter Wolken ist das sonst leuchtend blaue Wasser des weltberühmten Strandes beeindruckend farblos. Luxusvillen schlafen größtenteils leerstehend in der Vorsaison. Sardinien tobt wohl wirklich nur gerade mal drei Monate im Jahr.
Allein die kurvig-steile Ab- und Auffahrt nach Cala Gonone sind die Tour trotzdem wert. Einen Bootsausflug sparen wir uns wegen der gesalzenen Preise von mindestens 100 € für zweieinhalb Personen und drei Stunden.
Genereller Tipp für Schwerbehinderte: bei praktisch keinem nichtstaatlichen Angebot auf Sardinien gibts irgendeinen Rabatt. Auch Kleinkinder kosten oft hohe Preise. Bei allen staatlichen Angeboten wie z.B. Ausgrabungen oder botanische Gärten hingegen bekommen Schwerbehinderte wenigstens 50 bis 100 % Rabatt. Anders als in Deutschland erhält sogar häufig noch eine Begleitperson freien Eintritt.
Gute Freunde aus alten Zeiten betreiben seit vielen Jahren die Kiteschule im nahen La Caletta an der Ostküste. Der Kitespot ist vor allem bei südöstlichen Winden ein spitzen Schulungsort. 50 m Stehbereich, viel Platz am breiten Sandstrand zum starten, landen und Höhelaufen sowie ultralaminare thermische Winde von in der Regel um die 16 Knoten bieten wirklich perfekte Bedingungen fürs kiten lernen. Checkt am besten die Wolkenvorhersage!
Der Parkplatz direkt am Kitespot ist von November bis Mai gratis. In Porto Pollo sind die Bedingungen in jeder Beziehung um ein Vielfaches schlechter. Trotzdem lernt dort ein Großteil aller Kiteschüler Sardiniens. An starken Ostwindtagen können in La Caletta durchaus auch mal 25 Knoten und zwei Meter Welle erreicht werden.
Ich habe hier meine letzte sardische Kitesession am 13er Edge. Die maximale Windschwankung betrug einen Knoten in meinen zwei 40- Minuten Sessions. Meine Freunde witzeln, es wäre heute etwas bockig gewesen. Die Garmin Surfr App scheint seit der Version 3.0 keinerlei Sprünge mehr zu messen. An meinen Sprunghöhen liegt das sicher nicht. In Punta Trettu waren einige Sprünge über fünf Meter dabei. Entweder ist der Absprung mit dem 13er Edge zu sanft – oder die Uhr braucht eine Rekalibrierung. Ich checke das auf der nächsten Kitereise.
La Caletta feiert heute Bürgerfest. Unsere Kinder toben zusammen vor den Tanzaufführungen der Dorfjugend. Diese sind größtenteils fast so gruselig wie „Leaving Neverland“. Wenn sechsjährige Mädchen in voller Frauen-Kriegsbemalung zu „Beat it!“ in Miniröcken Hüftschwünge vorführen, dann frag ich mich nur noch, wie lange Kinder eben einzig solche sein sollten. Schande über die Choreographin!
In San Teodoro strahlt am Tag darauf das Wasser wieder in fast schon schmerzhaft leuchtendem Türkis an weissem Puderzuckersand. Der gesamte Süden Sardiniens ist deutlich weniger touristischer als der Norden. Hier ist es uns zum ersten Mal in zwei Wochen und über 1.850 km Fahrtstrecke zu voll.
Der Spruch „Freunde kommen und gehen. Feinde bleiben.“ ist Schrott. Das Abendessen auf der kleinen Farm unserer Freunde sagt genau das Gegenteil. Gute Freunde bleiben für immer. Auch wenn Du sie viele Jahre nicht gesehen hast ist es trotzdem so, als wäre kein einziger Tag vergangen.



















Frank Woelky, Jahrgang ’73. Kitesurfer seit 1998. Seit 2006 bringe ich Kitesurfen und Webdesign auf mehrmonatigen Reisen abseits ausgetretener Pfade unter einen Hut.
ich kann dem nichts hinzuzufügen,bis zum nächsten „Freundlichen“ Tag mein Lieber!