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Kriechendland

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Eigentlich hat die kleine gar nicht viel gemacht. In der Vorbereitung unserer Elternzeit wurde bei ihr aus „Griechenland“ einfach „Kriechendland“. Damit hat sie schon wieder eine Satire-Steilvorlage und Rechtfertigung ihrer Witzigkeit geliefert. Ein Land kriecht zum Ende. Ich hab nie gedacht, dass wir mal so weit kämen. Sind wir aber. Wie meinte der Ami in der Wirtschaft heute? „There’s still plenty of good left in your lovely Germany.“. Danke! Die Römer haben vor 2000 Jahren in Germanien sicher exakt den gleichen Spruch abgelassen – bevor sie uns mit Pizza „erlösten“.

Ich überlege kurz. Besonders stolz war ich eigentlich nie darauf, ein Deutscher zu sein. Ich sah es eher als eine Medallie für Zuverlässigkeit in Überregulation und Versagen. Jeder Reisende weltweit schüttet dir zumeist ungefragt eine leicht euphorische riechende Masse an positiven Adjektiven drüber: „Zuverlässig. Pünktlich.“. Fertig! Aufwischen! Für die gesamte südliche Welt hingegen scheint Deutschland noch immer ein Anagram von „Paradies“ zu sein. Ich degeneriere einstweilen offensichtlich zum Analphabeten.

Lesen können ist wichtig, um mal einen guten Job zu bekommen. Hat meine Mama gesagt. Ich konnte gut lesen. Daher hatte ich ein viertel Jahrhundert lang einen wunderschönen Job. Ich war Webdesigner. Die Kreativität meines Hirns ernährte mich. Eine weile lang hatte ich deswegen sogar einen Bauch. Meine Berufung machte mich stolz und meine Kunden glücklich. Doch dank der künstlichen Intelligenz weiss ich bald nicht mehr, wovon ich im Land der Dichter und Denker leben soll. Daher denke ich gerade viel nach. Wenn ich nicht zehn Uhr mogens noch etwas dicht in der Schlange vorm Bäcker warte, bis die vier KIs vor mir ihre Semmeln gekauft haben.

All die Dichte hilft natürlich auch nix. Ich leide jetzt schon seit drei Jahren an KI-induziertem Brain Drain. Mein Hirn läuft langsam aus, je mehr ich die KI nutze. Anfangs dachte ich, es wäre nur eine Erkältung. Doch sobald du die ersten Formen von Synapsen im Rotz deines Taschentuchs erkennst, weisst du halt unumstößlich, wie der Hase läuft. Nach Konsultation der KI selbstverständlich. Und du weisst auch, wo der Hase zum kacken hingeht. Neulich fragte mich ein guter Mensch „Wer hat denn dir ins Hirn geschissen?“. Dank KI konnte ich ihm für seine freundliche Beileidsbekundung zumindest ein aufrichtiges „Danke!“ übermitteln.

Mit jeder Minute künstlicher Interlligenz wird mein Hirn etwas trockener und schrumpft langsam in seiner Schädelhöhle. Man könnte sagen: „Gut. Haben wir wenigstens etwas Knautschzone und somit Sicherheit gewonnen.“. Das Dumme ist nur: wenn das Hirn dank KI-Einsatz erst mal so verblödet ist, dass es gegen jede Glastür rennt: dann erachte ich es auch nicht mehr wirklich als „systemrelevant“. Schon bald bekommen wir eh einen rot blinkenden Warnhinweis direkt in die Netzhaut eingespielt: „Achtung! Glastür voraus!“. Dann kommt der Tesla Effekt: die KI schiesst dich mit Vollgas durch die Glastür. „Astalavista, Baby!“.

Das ist alles kein Spass. Er ist todernst. Egal wer lacht. Wenn man nur noch weinen möchte, dann hilft Lachen oft am besten. Meine Träume sind mit meinem Job gestorben. Ich lebe immernoch. Weiss nur nicht mehr wofür. Oder wovon. Also brauch ich einen neuen Sinn. Er sei „zum Lachen bringen“.

Zum Glück gibt es heute viele wirklich witzige Sachen auf der Welt. Zahlen allein sind selten witzig. Die Reaktion der Menschen darauf dagegen oft sehr. Israel gegen Gaza? 2.000 : 74.000 Tote. Oder die Gewinnquote im Format Betandwin? 1:37. Russland gegen Ukraine? 335.000 : 120.000. Betandwin Faktor? 2,8 : 1. Für jeden  Israeli starben 37 Palestinenser. Für einen Russen aber „nur“ 0,35 Ukrainer. Russland wurde vom ESC schon lange ausgeschlossen. Niemand hat geschimpft. Arme, böse Russen! Im ESC 2026 traten nur Spanien, Irland, die Niederlande, Island und Slowenien aus Protest gegen den fortwährend durch Israel begangenen Völkermord nicht an. Der Rest hat damit anscheinend kein Problem.

Versteht ihr den Witz? Der ESC ist der grösste Musikwettbewerb der Welt. Im ESC Logo bildet ein Herz das V von „Eurovision“. Der ESC sei ein „unpolitischer“ Musikwettbewerb. Daher sollte auch Israel nicht ausgeschlossen werden – sagt der ESC. Ich bin aber leider ein Quotenfreak. Zahlen sind mein Ding. Zahlen definieren erschreckend nüchtern den Unterschied zwischen Völkermord und Krieg. Doch nicht für den ESC. Für mich definiert der ESC Teilnahmerecht anhand Effektivität im Töten. Russland? Ja, böser Junge. Aber leider nicht effektiv genug im Töten. Raus! Israel? 37 tote Palestinenser für einen toten Israeli. Sehr effektiv! Feiert mit uns ein Fest der Liebe! Das sind die Witze, bei denen ich laut lache.

Im Zeichen eines weiteren Jahres, in welchem die Welt uns Deutsche an unseren wahren Wert erinnert schleiche ich frustriert durch meine 2.000 Jahre alte Heimatstadt. Von einem der vier in umittelbarer Nähe zur steinernen Brücke ankernden Donau-Dampfern steigen ein paar U.S.-Millionäre. Ihre Schuhe quietschen bergauf unter drastischem Übergewicht. Es sind Birkenstock Arizonas. Genau dieser Schuh ist so ziemlich das letzte, wofür sich Deutschland nie schämen musste – oder wird. Birkenstocks sind deutscher als Deutschland. Ohne bist du nicht deutsch. Oder warst.

Dicker Millionär zur Reisebekanntschaft: „I got them for just 100 $!“. Ich freue mich masslos für ihn. Stelle ihm ein Bein. Er knallt auf den Asphalt und hinterlässt einen eineinhalb Zentimeter tiefen Krater. Ich reiche ihm die Hand: „Thank you for declaring Birkestock a ‚must have‘ for every rich U.S. citizen.“. Dann klaue ich ihm seine Latschen, denn selber kann ich sie mir einfach nicht mehr leisten…

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