Von meiner letzten Reise nach Montenegro weiss ich ehrlich gesagt nicht mehr viel. Die wilde Hamburg-Hilde holte mich mit dem Auto zuhause ab. Wir knüppelten im Schichtbetrieb 24h nonstop über Feldwege und Ziegenweiden runter bis nach Ulcinj. Da der Wind zwei Wochen mehr als mau blieb wurden die Nächte ein einziger Sturm.
Heute ist gut zehn Jahre später. An der südlichen Grenze Kroatiens warten wir zweieinhalb Stunden auf die Einreise. Die 190 km bis Ulcinj sind eine einzige Baustelle. Den Meerbusen bei Kotar kürzen wir mit einer kurzen Autofähre ab. Das bis dato unbekannte Gefährt wird für den kleinen Schlumpf zum Piratenschiff. Direkt darauf treffen wir auf echte Piraten. Sie stehen hinter dem Tresen vom Burger King und fordern deutlich mehr Gold denn in deutschen Gefilden.
Der Weg nach Ulcinj macht uns traurig. Europa kann sich die nächste Invasion sparen. Montenegro schaut heute aus wie die Côte d’Azur: Megayachten, Casinos, Stau, massig weisse Luxushochhäuser und volle Parkplätze haben den wohl letzten schönen wilden Westen des Balkans komplett zugeschissen.
Auf den Straßen gibt es mehr Baufahrzeuge als PKWs. Wenigstens fahren noch alle wie gesenkte Säue. Das ist dann aber auch schon der letzte Rest vom wilden Schützenfest. Vierspurig geht es über dutzende Kreisverkehre der 100 m-Klasse weiter nach Süden. In den Städten queren alle paar Meter Fussgängerbrücken die Straße. Sie sind überlebenswichtig.
Montenegros Währung ist heute der Euro. Die Preise sind etwas moderater als Kroatien. Doch die Gier und der Luxus preschen bereits selbstbewusst voran. Prognose? In zehn Jahren hat wenigstens das mondäne Budva Cannes um Längen überholt. Bis dahin kannst du in manchen Restaurants noch eine acht Euro Pizza abgreifen – doch wirklich günstig ist Montenegro nicht mehr.
In Ulcinj endet die vierspurige Zukunft. Die Straßen werden wieder schmaler. Nur die zahlreichen Paläste schauen weiterhin aus wie gigantische weisse Geldwaschmaschinen. Ich zähle ihre runden Fenster.
Vor unserem eher bescheidenen Palast hockt eine alte Oma auf einer noch älteren Couch auf der Terrasse. Kopftuch, Bluse, weiter Rock. Das fahrende Volk sitzt. Sie beobachtet genau das erste volle Abladen unserer Sachen nach zwei Wochen Camping Trip on the road. Dann parkt ihr Mann seinen nagelneuen weissen Mercedes AMG um, um uns einen Parkplatz freizumachen.
Das Internet ist inexistent. Zwei Stunden täglich tröpfeln 20kb/s aus dem Wlan. Der Rest geht selbst via Firsty App gegen null.
Der Velika Strand bleibt unverändert, weit und breit. Für manche Strandpächter geht die Saison nur von Mitte Juni bis Mitte August. Grauer Puderzuckersand glüht schon Anfang Juni heiss in der Sonne. Wenige Gäste verteilen sich auf Kohorten von weiss-blauen Liegestühlen.
Der Schlumpf spielt glücklich mit neuen Freunden am Strand. Sie liebt das Wasser. Noch nicht mal ihre ersten überkopfhohen Wellen können ihr Angst machen. Gleich die erste große Welle ihres Lebens haut sie um. Sand ausspucken. Lachen. Nochmal! Höchste Bewunderung und Liebe.
Wir fahren ins Hinterland. Hier sind die Straßen noch wunderbar eng, kurvig und so kaputt dass man sie am besten mit „ein Meter ebener Asphalt zwischen zwei Schlaglöchern“ beschreibt. Ich liebe solche Straßen. Sie schreien nicht laut „Wachstum, Fortschritt, Sicherheit – und alles sauber verfugt!“. Sie sind das Leben unseres Roadtrips. Auf der Straße klebt ein toter Marder.
Wer nicht glaubt, dass Montenegro schon bald Cannes in wirklich jedem Punkt überholt haben wird, der soll bitte an den Skadarska See an der Grenze zwischen Montenegro und Albanien fahren. Vergesst die Côte d’Azur noch heute! Von der Passhöhe aus blicken wir aus Wolken kommend auf den azurblausten See unserer Leben. Die Straßen werden immer kleiner. Irgendwann enden sie in einem leeren mit Seerosen bewachsenen Hafenbecken im Nichts. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen.
Wir pumpen unser Kanu auf und paddeln in strahlender Sonne hinaus auf den Skadarska See. Die Vogelarten sind kaum zählbar. Unsere kleine staunt über Haubentaucher, Kormorane, Möwen, und sogar ein paar Pelikane beim fischen. Auf den Inseln die wir umrunden stehen ganze Reihen von Reihern. Eine kleine Kobane serviert die einzigen Fische des Sees, Karpfen und Aal.
Zurück in Ulcinj. Wir wollen die Altstadt sehen. Bis auf wenige Ausnahmen ist sie eine einzige Handyparkzone. Eine Straße bietet gratis parken. Doch irgendwie klingeln hier alle meine Alarmglocken zwischen eingeschlagenen Scheiben, Alkis und Graffitis – und mit 3.000 € Kitematerial in der Dachbox. Wir quälen uns eine halbe Stunde durch das extrem enge und chaotische Zentrum. Am Ende landen wir zwischen lauter Romas auf der Müllhalde. Aufgeben ist manchmal einfach die beste Option.
Die schon lange aufgegebenen Salinen von Ulcinj sind berühmt für ihre über 250 Vogelarten. Der kleine Schlumpf strampelt tapfer am Rad einige Kilometer mit durch das 15 km² große Gebiet. Rund drei Prozent aller Zugvögel Europas legen hier auf ihrer Reise einen Zwischenstop ein. Wir sehen auf knapp sieben Kilometern Wanderstrecke kaum Vögel. Nur hören kann man viele.
Am Endpunkt höre ich noch einen großen Flamingo-Schwarm. Hinter einem Kanal ohne Brücke mit dichten Büschen davor. Die alten verfallenen und nur leicht abgesperrten Fabrikgebäude voller Einrichtungen sind den Eintritt durchaus wert. Zum Flamingo-geiern ist jede zweite Lagune auf Sardinien besser, billiger und einfacher.
Am letzten Tag landen wir mehr oder weniger aus Versehen am snobbigsten Ort des gesamten Balkans. Trophy Schicksen in voller Kriegsbemalung und Blingblings räkeln sich neben fahruntauglichen Q7-Besitzern auf den 20 € teuren Liegen des Dolcinium Beach Club. Reste der Erinnerung an eine legendäre Nacht vor langen Zeiten schwappen kurz hoch – und werden sofort von einer über Kopf hohen Welle weggespült. Der Wind bleibt komplett offline.
Wir flüchten zur nahen Albanischen Grenze nach Ada Bojana. Die Tour scheitert an einer Schranke mit als Parkgebühr getarnten hohen Eintrittsgeldern für nunmehr noch teurere Restaurants. Die alten kleinen Pfahlbauten Onkel Toms am Fluss, die es hier früher gab sind heute die Wochenendpaläste reicher Montenegrinos. Ein schweres Gewitter zieht auf. Es wird Zeit zu gehen. Armes, reiches Montenegro…

















Frank Woelky, Jahrgang ’73. Kitesurfer seit 1998. Seit 2006 bringe ich Kitesurfen und Webdesign auf mehrmonatigen Reisen abseits ausgetretener Pfade unter einen Hut.