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1.400 km Roadtrip durch Kreta

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2024
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Wir reisen zwei Wochen mit der Kleinen durch ganz Kreta. Dem Sturm an der Westküste ausweichend landen wir zuerst in Platanias. Fast alles ist vor dem griechisch-orthodoxen Ostern noch geschlossen.

Das Meer kocht mit 13°C Wasser an 17°C Luft in grossen Wellen. Unser kleines Apartment liegt direkt dahinter. Doch der Wind luscht etwas zu sehr dafür,    um mich ohne Neo in eine frostige zweite Kite-Session zu schleudern.

Platanias

Wir suchen stattdessen den besten Blick auf den mit knapp 2.500 m zweithöchsten Berg Kretas, den Pachnes. Zwar kommen wir mit dem Auto auf einsamsten Straßen rauf bis auf fast die Hälfte – aber von seinem schneebedeckten Gipfel sieht man hier rein gar nichts. Egal.

Die kleine ist auf Ziegenjagd. Es können nie genug sein. Ohne den Trip hätten wir die wunderbare und selbst mit Kinderwagen gut erreichbare Schlucht Sarakina Meskla nicht gefunden. Die Keine ist begeistert vom Canyon und klettert gut über grosse Felsen. Nur die helfenden Hände bringen sie zum Ausrasten. Zurück geht es über ein Tal voller Orangenbäume ans Meer.

Auto fahren auf Kreta

Kaum einer unserer Wege hat einen Mittelstreifen. Gerade auf den kurvigen engen Bergstraßen Kretas darfst du fast immer 90 km/h heizen. Die sind hier jedoch meist ein unerreichbarer Wert. Autobahn-ähnliche 12 Meter breite Highways sind dagegen oft kilometerweit auf 50 km/h oder weniger beschränkt.

Die Kreten zollen dieser legislativen Schizophrenie ihren Tribut durch komplette Ignoranz jeglicher Regeln. Absolutes Halteverbot, Helmpflicht, Überholverbot oder einfach Tempo einhalten: scheissegal. Ich möchte eine Verhandlungen hinter einem der zahlreichen fast immer deutlich angekündigten Blitzer belauschen. Wäre sicher eine göttliche Komödie. „Bist du das Ei? Gestatten? Polizei Henne. Papiere bitte!“

Almyrida

Unser nächster Stop ist das kleine Fischerdorf Almyrida. Im Amphitheater der seit über 3.000 Jahren besiedelten nahen archäologischen Stätte Aptera finden wir ihn endlich: den besten Blick auf den schneebedeckten Pachnes.

Den hat man hier heute, weil die Anwohner des nahen Dorfes in den 1980er Jahren eigenständig das Graben anfingen. Ihr Ziel war ernsthaft, einen Raum für das lokale Bauerntheater zu schaffen. Nach der Disneyworld-artigen Instandsetzung des Minoischen Palastes von Knossos durch „archäologische Profis“ Ende des 19. Jahrhunderts scheint Eigeninitiative ein vernachlässigbares Übel.

Aradena

Ein zweiter Trip auf die Südseite Kretas führt über spektakulär steile Serpentinen ins Nichts. Aradena war Jahrhunderte lang eine wohlhabende und bedeutende Stadt Kretas, geschützt von einer tiefen Schlucht vor dem unendlich weit entfernten Rest der Welt. In Ermangelung anderer sozialer Aktivitäten zettelten die Bewohner anfang des 20. Jahrhunderts eine höchst erfolgreiche Vendetta an. Die letzten Überlebenden verließen Aradena in den 1940er Jahren.

Heute grasen hier friedlich Ziegen und Schafe zwischen uralten Olivenbäumen und Ruinen. Vier Eremiten haben sich wieder niedergelassen. Ein aus Aradena stammender Expat stiftete in den 1980er Jahren eine einspurige Brücke über die Schlucht. Sie ist heute mit 136 m die zweithöchste Bungee Location Europas. Fitte Wanderer steigen den steilen alten Eselpfad hinab und wandern 600 Höhenmeter durch den Canyon bis ans Meer.

Die Bewohner des nahen Dorfes Sfakia rebellierten Jahrhunderte lang erfolgreich gegen jede Fremdherrschaft. So auch heute. Parken kostet überall drei Euro die Stunde. Die nahe venezianische Besatzer-Festung Frangokastello aus dem 16. Jahrhundert hingegen kann man auch gegen Geld nicht besichtigen. Die Sfakier haben eindeutig gewonnen.

Plakias

Für die letzten Tage unserer Reise siedeln wir auf die Südseite Kretas nach Plakias über. Der Süden ist komplett anders: rauh, einsam und keinerlei All Inclusive. Ein Hotel wenigstens mit Frühstück zu finden ist deutlich schwerer.

Tiefe Canyons münden aus steilen hohen Bergen ins Meer. Bockige Böen von 30 und mehr Knoten stürmen tagelang nonstop die steilen Berghänge hinab. Im Norden ist keinerlei Wind. Er kommt mitten auf Kretas Bergen aus dem nichts und reist – anders als abendlicher Seewind – auch schon früh morgens über das Meer Richtung Afrika.

Das Windsystem Kretas erinnert irgendwie an die Anden im kleinen (Embalse de Puclaro und Cuesta del viento). Hohe Berge als Motor in der Mitte – und zu beiden Seiten starke Winde Richtung Meer. Einziger Unterschied hier: „sichere“ Bergseen gibt es nicht – und der nächste Landeplatz im offshore Wind ist knapp 500 km weiter in Libyen.

Kourtaliotiko Schlucht

Plakias ist ein nettes kleines Dorf in der Mitte der Südseite. Trotz grosser langer Dürre gibt es  in ein paar Canyons hier im April noch Wasser. Wir steigen mit dem Kinderbuggy in die Kourtaliotiko Schlucht ein. Etwas schieben funktioniert auf dem mild abfallenden Schotterweg anfangs sogar. Doch über einen grossen Teil der Strecke müssen wir den Buggy tragen.

Wir versuchen immer möglichst viel zu machen, auch mit Nachwuchs. Aber dieser Trip fällt laut zahlreichen Kommentaren entgegenkommender Wanderer in die Kategorie „Wallfahrt auf Knien ohne Erleuchtung“. Die letzten 70 Höhenmeter kann ich nur noch alleine in den Canyon steigen. Wasserfälle und eiskaltes Wasser sind eine kurze Belohnung an 26°C Luft.

Unser Hotel Kostas & Chrysoula liegt direkt hinter dem Dorfstrand von Plakias. Die Kleine darf sich nochmal ordentlich am Lieblingsspielplatz austoben. Nur das Wasser bleibt der Frostbeule noch stets zu kalt.

Matala

Letzter Stop der Reise ist das in der Vorsaison angenehm ruhige Matala. Grosse Parkplätze erzählen von einer Horror-Hauptsaison. Man muss ihr vergeben. Wo schon Zeus als erster Land betrat und die Sarazenen erstmals anlandeten, da kann Terrourismus nur ein kurzer Abschnitt sein.

Ein paar meiner Lieblings Hippie-Musiker wie z.B. Joni Michell und Cat Stevens fanden in den 60ern um die seit vor ca. 2000 Jahren in die weichen Sandstein-Klippen getriebenen Höhlen teilweise länger Unterschlupf und gründeten eine Kommune. Vier Euro Eintritt halten heute erfolgreich die früheren Obdachlosen und üblen Pissegestank fern. Jede zweite Wand zieren Flower Power Sprüche und bunte Bullies. Morning has broken.

Das Stammhaus der Minoer ist der über 3.000 Jahre alte Palast von Phaistos. Wenig archäologische Infos und eine überschaubare Anzahl von Mauerresten rechtfertigen keine acht Euro Eintritt.

Heraklion

Die „Altstadt“ von Heraklion ist mit Ausnahme von ein paar venezianischen Gebäuden und der orthodoxen Kathedrale eine einzige erbärmliche Plattenbau-Anhäufung. Schnell noch etwas shoppen und ab auf ein geniales Lamm Antikristo vom offenen Feuergrill im tollen Restaurant petousis.gr vor den Toren Heraklions. Die kleine tobt im überwachten angeschlossenen Kindergarten. Wir geniessen die einzige ruhige Stunde eines 1.400 km weiten Roadtrip über eine grosse Insel.

Was bleibt ist das Lachen der Kleinen. Wie sie mit noch nicht mal zweieinhalb Jahren  „Thank You“, „Efcharisto“, „Yassas“ und „Kalimera“ fast immer in der richtigen Situation verwendet – oder in bezaubernd falschen. Wie sie tanzt, im Sand buddelt und die Welt entdeckt – oder einfach schonungslos zerlegt. „Nochmal Urlaub“ sagte sie am Ende…

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