Das teure Chill Opposite Music Festival fegt für vier Abende das gesamte Hostel leer. Zusammen mit den Lohnauszahlungen zum Beginn des Oktobers sorgt es dafür, dass kein Geldautomat in Dahab mehr seinen Dienst verrichtet. Erst am Tag darauf spuckt der achte aufgesuchte Automat mit der dritten Kreditkarte wieder etwas Geld aus. Ich hatte keinen Cent mehr.
Im Rafiki Oasis fällt das Wasser aus. Das ist für den Webdesigner weniger schlimm als das meist nur tröpfelnde Wlan. Auch meine 22 GB mobile Daten werde ich in dem Tempo kaum bis zum Monatsende verbraten können. Nach zwei Wochen hier bin ich der Hostel-Opa. Das Schicksal fährt nun härtere Geschütze auf. Mein neuer Dorm Nachbar ist ein Holzfäller. Seine extrem rostige Kettensäge leidet unter permanenten Fehlzündungen.
Dahab 24/25
Warum tue ich das? Ein gutes Hostel ist wie ein Kloster. Es ist ein Ort der inneren Einkehr – und neuerdings auch wieder des im Innenohr versenkten Klopapiers. Ein Platz für Reduktion, und voller Geschichten. Aller Lärm dient nur der Konzentration auf das wesentliche. Alle widrigen Umstände dem Wertschätzen von allem, was ich als selbstverständlich annahm. Jedes mal, wenn ich von einer Reise in Hostels heimkam, war mein Zuhause wieder viel mehr Heimat.
Dieses mal wird es noch mehr so sein, denn mein Lieblings-Schlumpf blieb daheim bei Mama. Mit welchen neuen Worten und Taten wird sie mich wohl bei dieser Heimkehr verzaubern? Im Video-Chat erklärt sie mir, dass sie jetzt alleine das Handy lauter machen kann. Danach spreche ich einige Zeit mit der Wand. Die kleine verrenkt sich lange und ordentlich lustig, um wieder im Bild zu sein. Dann kommt sie auf die Idee, das Handy neu auszurichten. Mein langes Kichern war sicher nicht die Ursache.
Die Gespräche hier bleiben bunt und interessant. Jeden Tag lerne ich neues. Ein Ägyptisch-Amerikanischer Kiter fragt mich, wie wir Deutschen die Flüchtlinge zuhause sehen. Ich sage: „Zu viele und zu konzentriert auf zu wenige Orte. Mein Tochter konnte ein Jahr lang in der ersten Kindergartengruppe mit kaum jemandem sprechen, weil sie die einzige Deutsche war.“ Ob diese meine Meinung nicht extrem sei, will er wissen. Ich weiss es nicht.
Er wechselt das Thema auf die gerade an der Ägyptischen Mittelmeerküste und mit viel ausländischem Geld entstehenden Luxus-Ghettos. Selbst einige neureiche Ägypter würden von ihren dortigen Villen mit dem Rolls Royce ins gerade mal drei Stunden entfernte Kairo aufbrechen. Auf halber Strecke wechseln sie dann in ein neidbefreites Gefährt und schiffen den Luxuswagen auf einem Kahn zurück in sein verstecktes Bett. Die rapide wachsende Spalte zwischen arm und reich in Ägypten wird versteckt unter Kähnen voller Luxuskarren.
Ein direkt an die Lagune angrenzendes Gebiet wurde wohl an Investoren verkauft, die hier Hotels bauen wollen. Das in der Petition hiergegen erwähnte Paradies sehe ich kaum. Ja, es gibt ein paar Möwen und Ibisse. Den legendären Adler hab ich bisher nicht gefunden. Aber jede Menge Müll. Der Großteil wurde aus Dahab herübergeweht. Auf der Halbinsel vor der Lagune räumen Tauchschulen regelmäßig auf. Trotzdem halten mich die Locals für verrückt, wenn ich ihnen sage: „Hab ich barfuss überquert.“ Zwei dreibeinige Hunde begleiten mich. Einem fehlt das Bein vorne rechts, dem anderen das Bein hinten links. Die Sandbank ist in der Tat ein Fakir-Training Level 13 zwischen lauter Glasscherben und Müll. Wie dem auch sei: unterzeichnet die Petition! Erstens bietet Dahab Platz ohne Ende. Zweitens gibt es schon genug nicht fertig gestellter Hotels in Dahab. Drittens lägen die Hotels direkt im Luv der Kitelagune. Sie würden den Spot vernichten.
Ich mutiere zum Wind-Snob. Alles unter 18 Knoten nennen ich jetzt „Flaute“. Meinen 13er habe ich noch kein einziges mal benutzt. Zwei Tage „Flaute“ hüllen Dahab in schwüle Hitze. Das Wasser versiegt komplett – und sicher vollkommen zusammenhanglos mit den endlosen Duschorgien. Die Berge des Sinai verstecken sich im Dunst. Das gerade mal 40 km entfernte Saudiarabien wird komplett unsichtbar. Ich radel jeden Tag klatschnass und in Zeitlupe auf der Stelle tretend durch Dahab. Kaufe halbreife rote Datteln und kiloweise Orangen für die Handpresse. Der Huskie am Strand träumt von Schneeballschlachten. Alles steht still. Ich nehme es in Zeitlupe wahr und weiss: jetzt bin ich hier wirklich angekommen…




















Frank Woelky, Jahrgang ’73. Kitesurfer seit 1998. Seit 2006 bringe ich Kitesurfen und Webdesign auf mehrmonatigen Reisen abseits ausgetretener Pfade unter einen Hut.