Eine ganze Legion von Straßenkehrern in neongelben Westen kümmert sich Tag und Nacht um den überall in Dahab umherfliegenden Plastikmüll. Bei einer Steigerung der Lebenshaltungskosten von 200% binnen fünf Jahren und Prepaid Stromkarten hat Ägypten wahrlich genug andere Probleme, um die es sich derzeit kümmern müsste.
Doch Ägyptens Superhelden fegen Staub und Plastik. Am Rande der windigen Wüste Sinai. Es ist unendlich bizarr. Auf einer morgendlichen MTB-Tour suche ich umsonst nach vergleichbarem Superheldentum auf dem Meer. Niemand wischt dort das Wasser auf.
Dahab 24/25
Dahabs Straßenfeger sind die einzig wahren Superhelden. Ihre Taten sind zweifelsfrei gut. Doch vollkommen sinnbefreit. Fast wie der Grüne Punkt in Deutschland. In Dahab wandert jeder noch so kleine Kauf in Plastiktüten. Selbst die Wasserflaschen aus Plastik. Glasflaschen gibt es kaum, mit Ausnahme von Bierflaschen. Die landen zu einem Großteil zerschlagen auf der Straße. Kein Fahrradreifen hier trägt weniger als 15 Flicken. Müll entsorgen ist so unendlich viel trauriger als Müll vermeiden.
Die jungen Ägypter sehen das alles. Ich bin ihnen ob genug anderer Probleme auch in keinster Weise sauer, dass sie zwar sehen, aber rein gar nichts tun. Nichts tun? Das Essen wird frei Haus bestellt. In massig Plastik. Barbecue am Strand? Styropor ist so praktisch! Der Kaffee kommt entweder im Instant-Portionsbeutel oder im Plastikbecher. Am besten in beidem. Die Teegläser bleiben im Regal. Bittet man explizit darum, so folgen immer komische Blicke. Es ist wie „Don’t look up“: mit weit aufgerissenen Augen sehen wir die Scheisse auf uns zufliegen. Lächeln. Und machen den Mund auf.
Das ist kein Bashing. Eher Selbstanklage, denn ohne uns Reisende gäbe es in Dahab weniger Arbeit. Damit weniger Menschen und weniger Müll. Nicht reisen wäre sicher ein traurigeres Leben. Doch leider auch keine Lösung. Denn vergleiche ich den Deutschen mit dem Ägyptischen Lebensstandard, so werden 40 Jahre „Grüner Punkt“ daheim zum ultimativen Armutszeugnis.
Wir Deutschen recyceln mit riesigem Aufwand gerade mal 38% unseres gesammelten Plastikmülls. 1/3 alles Plastikmülls weltweit landet in der Umwelt. Der Deutsche Plastikmüll verdoppelte sich von 1995 auf 2023. Unsere 61% „Thermisches Recycling“ nenne ich altes Lästermaul einfach nur „verbrannten Betrug“. Hier in Dahab trennen die großen Hotels den Müll. Aber wenigstens scheint jeder zu wissen, dass alles zusammen unter freiem Himmel in der nahen Wüste verbrannt wird. Dreckig, aber ehrlich ist mir irgendwie noch deutlich lieber als „sauber verlogen“ wie in Deutschland.
Die Sonne geht über dem Golf von Akaba auf. Ich schwinge mich aufs Mountainbike und an dutzenden „Throw your trash in the bin“ Schildern auf der Strandpromenade vorbei nach Süden Richtung Wadi Gnai. Ein türkischer Kaffee am Strand. Wieder der komische Blick „Hä, im Glas?“. Tut mir leid. Das und eine Holzzahnbürste sowie Seife statt Duschgel sind Tropfen auf den heissen Stein der Weltrettung. Zumindest solange DM noch überhaupt irgendeine Seife im Sortiment hat.
Die jungen Digitalen hacken schon zum Sonnenaufgang in ihre sandgestrahlten Laptops. Ein Hund beschnüffelt mich und erschrickt, als der Wind ihm eine Plastiktüte in die Schnauze bläst. Mein Lachen irritiert die Nachbarn. Rauf aufs Mountainbike, weiter nach Süden. Das Wadi Gnai liegt gerade mal 14 km südlich von Dahab. Doch die haben es in sich.
An einer langen Steigung ausserhalb der Stadt attackieren mich mehrfach große Gruppen verwilderter Hunde. Ich mag Hunde und sie mich. Wir verstehen uns eigentlich immer sofort. Doch diese Hunde hier sind direkt aus Resident Evil: ausgehungerte Kampfköter, denen ich im Dutzend durchaus zutraue einen Mountainbiker zu erlegen. Fahren ist hier nicht mehr wirklich ratsam. Ich steige ab und gehe langsam „ho ho ho“ rufend weiter.
In Ecuador biss mich mal ein Köter dieser Klasse in den Fuss. Die darauf folgende Infektion erforderte zehn Tage Antibiotika. So sehr ich Hunde mag fasste ich da einen Beschluss: mich wird nie wieder ein Hund beissen.
Beim zweiten Angriff einer noch größeren Gruppe von Kampfkötern heute habe ich bereits die einzig verfügbare Massenvernichtungswaffe griffbereit am Lenker: einen Palmwedel. Einen Palmwedel? Sinai ist doch das Land aus der Bibel, oder? Ich springe ab und schreie den Rädelsführer an: „Wenn du nur einmal nach mir schnappst, so wird dich dieser Palmwedel grausam langsam filetieren und ins Jenseits schicken!“. Leider spricht er kein Deutsch. Englisch auch nicht. Erst nach der dritten Ansprache bleiben die Kampfköter zurück.
Gleich am Eingang des Wadi Gnai wird der Sand und feine Kies richtig tief. Ich schiebe mein hochübersetztes China-Carbon-MTB die letzten zwei Kilometer in den Canyon. Eine Gruppe Reiter kommt mir entgegen. Sonst bin ich bis auf zwei Quad-Kolonnen der einzige Besucher. Beduinen servieren Tee in einer kleinen Oase.
Im Wadi Gnai wächst das einzig „echte“ Grün in weiter Umgebung. Schon jetzt um neun Uhr morgens knallt die Sonne heftig mit gut 30 Grad. Die letzten paar hundert Meter in den Canyon machen mich unendlich traurig. Dieser Ort war den Beduinen einst heilig. Heute ist er eine einzige Müllkippe voller Plastikflaschen und Zigarettenkippen. Daran ändern auch die gut gemeinten Schilder nichts. Der Mensch vernichtet einfach alles. Mad Max in Ägypten. Beach Cleaning hier und Mülltauchen da ist gut. Aber wann ernen wir endlich, wirklich weniger Plastik zu nutzen?
























Frank Woelky, Jahrgang ’73. Kitesurfer seit 1998. Seit 2006 bringe ich Kitesurfen und Webdesign auf mehrmonatigen Reisen abseits ausgetretener Pfade unter einen Hut.