Ausserhalb eines der drei international buchbaren All Inclusive Hotels ist Dahab so bunt wie schon letztes Jahr im Tropitel Dahab Oasis vermutet. 2015 bekannte sich der Islamische Staat Provinz Sinai zum Bombenanschlag auf das in Sharm El Sheikh gestartetet russische Flugzeug Metrojet 9628. In Folge dessen stellte Russland jeglichen Flugverkehr auf die Halbinsel Sinai für mehrere Jahre ein. Dahab bat den Rest von Ägypten um Hilfe, denn Russen machten bis dahin einen Großteil der Besucher aus. Der Hilferuf wurde erhöhrt. Erst da erfuhr Ägypten von der Existenz Dahabs.
Heute stammen die meisten Besucher Dahabs aus Cairo. So auch in meinem Hostel Rafiki Oasis. Binnen meinen ersten drei Tagen erfahre ich von vielen guten Menschen mehr über die Ägyptische Seele, das Land und seine Politik als bei meinen 25 Jahre währenden zahlreichen Besuchen des Sklaventreiber-Terrourismus im Raum Hurghada, Marsa Alam und Sharm El Sheikh. Ich hatte immer das unbestimmte Gefühl, überhaupt nichts vom Land zu erfahren, das ich bereiste. Erst Dahab ändert das. Hier in Dahab ergibt heute kaum eine Geschichte die ich höre irgendeinen Sinn. Manche Geschichten sind sehr frustrierend. Aber alle interessant.
Dahab 24/25
Nach fast 22 Stunden Anreise komme ich mitten in der Nacht in Dahab an. I wanna wake up in a city that never sleeps. Selbst um vier Uhr morgens herrscht jede Menge Leben am Rande der Wüste Sinai. Dahab hat laut letzter offizieller Zählung von 2023 gerade mal 3.200 Einwohner. Aber die Zahl ist wie so viele offizielle Angaben in Ägypten ein absoluter Witz. Ich tippe mal so grob auf wenigstens das Doppelte an permanenten Bewohnern. Vielleicht ist es auch das Dreifache. Zu den Einwohnern kommt leicht nochmals das gleiche an Besuchern, welche hier nach der bis zu 50 Grad heissen Sommerflaute teilweise länger leben.
Dahab hat eine recht aktive große Community digitaler Nomaden. Ich lebte als einer „von ihnen“ schon lange bevor noch irgendjemand den Begriff „digitaler Nomade“ erfand – oder ich meinem Leben irgendeinen Namen geben konnte oder wollte. Die Werte und Gesinnung der digitalen Nomaden kann ich größtenteils bestenfalls beschmunzeln: Spiritual Gatherings. Yoga am Strand. Meditation in der Wüste. Das absolute Highlight? Masculine Practices: Step into the circle. Meine Übersetzung? Wichsen! Es gibt 100.000 wichtigere Dinge, um die wir uns auf diesem Planten kümmern sollten. Doch „Augen zu“ und von einer besseren Welt träumen ist definitiv viel influenziger als aktiv eine bessere Welt erschaffen.
Was trage ich dazu bei, eine bessere Welt zu erschaffen? Meine Familie ist zuhause. Mein Vater ermahnte mich „Verantwortung zu übernehmen“. Nun bin ich hier. Ohne Familie. Mit dem Flugzeug. Schlimmer noch. Ich schreibe auch noch darüber. So wenige Menschen meine Berichte auch lesen mögen, so trage ich trotzdem zur Konzentration von Tourismus und mehr Reisen bei. Also: was mache ich in irgendeiner Weise besser?
Ich konzentriere mich auf das wesentliche. Das was ich wirklich brauche, und nichts mehr. Mein Gepäck für einen Monat ist so minimal wie irgend möglich. Eine Bar. Zwei Kites. Ein Splitboard. Wenige Klamotten. Zwei Musikinstrumente. Alles passt in reguläre 20+8 kg Gepäck. Das wenige reicht für höllisch viel Spass in einer zu Beginn meiner Reise wegen Neumond minimal kleinen Kite-Pfütze, der Dahab Baby Bay. Für wenig Geld miete ich ein China-Mountainbike. Jeden Morgen geht es nach dem Frühstück gute dreieinhalb Kilometer an der Strandpromenade mit dem Wind im Rücken runter zur Lagune und den lieben Leuten bei Soul Kiters. Am frühen Nachmittag get es nach getanem Werk gegen den starken Wind zurück ins Hostel und zur Webdesign-Arbeit.
Raus aufs Wasser. Rauschen. Wind. Salzwasser. So eng es auch bei Neumond-Ebbe sein mag: jeder lässt jedem so viel wie möglich von dem wenigen zur Verfügung stehenden Platz. Mit gerade mal 12 Kitern herrscht ein Gefühl von Manila zur Rush Hour. Aber ohne dessen Aggressivität. Ich reisse erst mal ein paar Tage lang nix großes. 6,2m Sprunghöhe als „Champion“ der Surf App hauen kein Loch in mein kaputtes Knie. Ich mache einfach das beste aus dem, was ich mit 52 Jahren noch kann – und bin glücklich mit allem was ich noch erreiche.
Das Rafiki Hostel ist der reinste Rummel mit unterschiedlichsten Veranstaltungen an jedem Tag und Abend. Ich brauche erst mal Ruhe und viel Schlaf im ruhigen Dorm. Stromere alleine durch die Lighthouse Area. Sogar in der ersten Reihe am Strand kann man ein gutes mehrgängiges Abendessen für deutlich unter 10 Euro geniessen. Ein Friseur gibt mir zu arabischen Suren eine Stunde Wellness. Schneiden, legen, kämmen, massieren. Dann noch sechs mal kämmen. Er deutet auf meine Stirn. Unwissend sage ich ja. Ein schwerer Fehler. Aber wenigsten komme ich so in den „Genuss“ meiner ersten arabischen Gesichtshaar-Faden-Epilierung. Hatte keine Ahnung, dass ich soviele – und anscheind direkt mit dem Schädelknochen verwachsene – Gesichtshaare mein eigen nenne. Trotz Maske und Eau de Aua brennt die Applikation des Sonnenschutzes noch Tage später…




















Frank Woelky, Jahrgang ’73. Kitesurfer seit 1998. Seit 2006 bringe ich Kitesurfen und Webdesign auf mehrmonatigen Reisen abseits ausgetretener Pfade unter einen Hut.