Spät nachts kommen sie in den Dorm. Packen aus. Sehr langsam, vorsichtig und extrem „rücksichtsvoll“. Flüstern. Knistern. So geht das über drei mal einschlafen und gefühlte Stunden. Dann knallt ein Hartschalen-Trolley aus dem oberen Stockbett auf die Fliesen herunter. Ich habe ein Déjà vu.
Keine Nation der Welt kann mich so rücksichtsvoll und hoch auf die Palme bringen wie Chinesen beim nächtlichen räumen im Dorm. Jede Socke ist einzeln verpackt in eine Knistertüte. Das Kontrollgespräch am Morgen sagt: knapp daneben. Auch Japaner sind wohl rücksichtsvolle Nachtarbeiter. Der Wind macht drei Tage Pause. Ich kümmere mich um das Golive von Hambuger-Fischwerker.de.
Dahab 24/25
Nach der Arbeit schiebe ich in der knalligsten Mittagshitze mein Mountainbike in einem Wadi nahe dem Beduinen-Hügel im Norden von Dahab den Berg nach oben. Wieder liegt überall Plastikmüll. Ich steige auf das Bike und fahre Downhill zurück ans Meer. Aber eine Scherbe durchlöchert schon nach wenigen Metern meinen Reifen. Eureka! Endlich mal was anderes als Plastikmüll. Ich schiebe das Bike fünf Kilometer zum Verleiher. Er flickt es.
Vor ein paar Tagen lief „Into The Wild“. Niemand hat den Film kapiert. Wir Besucher aus Kairo und der Welt kommen hierher nach Dahab. Wir bringen die Lust auf „mehr haben“ und die Gier nach Dingen mit uns. Dahabs Beduinen übernehmen sie. Sie kaufen viel und denken wenig. So wie jeder hier.
Alles, was man nicht mehr braucht wird direkt an Ort und Stelle auf den Boden geschmissen. Am Strand steht ein Kunstwerk aus über 8.000 gesammelten Kippen. Beduinen waren Nomaden, und sie liessen immer etwas zurück. Das war ihre Kultur, für tausende von Jahren. Aber Ziegenmist war gut für etwas. Plastik ist gut für nichts. Wir sind verantworltich für den Müll hier.
Ein Beach Barbecue führt an einer brennenden Müllhalde hinter dem Ecotel (sic!) vorbei zu einem weiteren zugemüllten Strand. Es gibt also zwei Optionen für Beach Barbecues: auf einer Müllhalde (Lagoona Halbinsel) oder auf einer Müllhalde mit einer brennenden Müllhalde dahinter. Ich hasse Fridays for future. Sie haben den Umweltschutz um Jahrzehnte zurückgeworfen. Aber das, was ich hier jeden Tag sehe, hasse ich noch mehr. Wir scheissen den ganzen Planten zu.
Der blutige Vollmond geht ehrfurchtgebietend hinter dem Golf von Akkaba und über Saudiarabien auf. Unter ihm spielen wir alle nur Mad Max. Mel Gibson hätte Dahab geliebt! Es sind keinerlei Kulissen nötig – alles schaut auch so perfekt nach Endzeit aus. Wieder fliegt eine Kippe auf den Strand. Ein Ägypter hämt in einem fiesen Tonfall „Thank you for being so good.“, als ich wenigstens unseren eigenen Müll einsammle. Fick dich! Don’t look up! Am nächsten Morgen stinkt mein T-Shirt nach verbranntem Plastik.
Auf dem Heimweg im Jeep durchlebt ein junger Fahrer seine Sturm-und-Drang Phase. Autorennen im besten Mad Max Stil. Einmal berühre ich zum Spass die Motorhaube des Verfolgers. Kurz darauf berührt er unsere Stossstange. Der Junge gibt Vollgas. Seine Schlangenlinien sind eher auf die wohl ca. fünfte Stunde hinter dem Steuer zurückzuführen denn auf Alkoholkonsum. Ich versuche Verständnis für die mangelnde Fahrpraxis von 15-jährigen aufzubringen. Jeder muss mal fahren lernen. Fahrschulen gibts glaube ich keine hier in Dahab.
Als der Junge dann bei Tempo 80 ohne Licht in der Nacht auch noch das telefonieren anfängt werden die Schlangenlinien endlich kleiner. Ich entspanne mich und falle einmal fast hinten aus dem Jeep raus, als er etwas heftig anfährt. Vor dem Hostel verabschiedet er sich mit quietschenden Reifen. Mel Gibson wäre so stolz auf ihn. Das Bellen der Hunde zeichnet seine Spur durch die Nacht nach…




















Frank Woelky, Jahrgang ’73. Kitesurfer seit 1998. Seit 2006 bringe ich Kitesurfen und Webdesign auf mehrmonatigen Reisen abseits ausgetretener Pfade unter einen Hut.