Der Sinai ist eine der trockensten Regionen der Welt. Während unserer Elternzeit in Dahab fällt Schnee auf dem Berg Mose. Die heftigsten Regenfälle seit Jahren schicken Springfluten durch die Wüste. In Kairo hagelt es. Dann ziehen gigantische Sandstürme durchs Land. Zwei Wochen fast permanenter Flaute schicken urplötzlich mit starken Südwinden vier Meter hohe Gischt über die Uferpromenade von Dahab.
Im nahen Iran führt der Lügenkönig Krieg. Ice-T witzelt: „Ich verstehe nicht, warum jeder Trump mit dem Teufel vergleicht. Ja, er ist böse. Aber doch nicht so böse wie Trump.“ Ich ertappe mich dabei, Humanissmus mit SS zu schreiben – nur um direkt darauf das Ende des selbigen zu postulieren. Die ganze Welt ist verrückt geworden.
Noch immer spreche ich mit vielen guten Menschen, die das erkennen. Ihre Stimmen werden immer leiser. Der Wahnsinn legt heute einen derartig gloriosen Homerun hin, dass ich nicht umher komme daran zu zweifeln, ob wirklich ein Meteor die Dinosaurier auslöschte. Vielleicht waren sie es einfach selbst? T-Rex zum Archäopterix: „Fick die Verspargelung der Landschaft!“
Mittendrin und ganz am Rand sind wir hier. Es waren wunderschöne und sehr anstrengende drei Jahre mit unserem kleinen Schlumpf. Nach der Adoption bekräftigt sie häufig „Ich will immer bei euch bleiben.“ Ich muss immer lachen und sie direkt darauf herzeln. Es scheint mir das einzige noch sinnvolle zu sein. Wir kommen zum Ende des Ramadam an. Dahab ist wie ausgestorben. Zum Fastenbrechen Fest Eid al-Fitr platzt es aus allen Nähten.
Mit unseren Rädern fahren wir jeden Tag durch Dahab. Ich treffe alte Freunde. Wir machen neue. Jedes Lachen ist ein Geschenk. Habt ihr schon mal das Freuden-Tröten eines Kindes beim Schnorcheln mit den ersten live gesehenen Fischen am Riff gehört? Nichts könnte jemals mehr erfüllen denn ein durch den Rüssel quiekender kleiner Elefant.
Dann kommt wieder die Leere. Von 27 Jahren Kitesurfen habe ich mehr als fünf damit verbracht, mein gutes Sprungbein auf das schlechtere umzustellen. Als Kind flog ich in meinen Träumen. Schon lange vor meinem ersten Flug wusste ich genau, wie die Welt von oben aussah. Mit dem Kitesurfen folgte ich meiner Bestimmung. Bis das gute Knie nur noch Schmerz war. Hatte ja noch eines. Doch auch das schmerzt jetzt erstmals heftig, nach gerade mal fünf Tagen und 8,4 Metern Sprunghöhe am Kite.
Auf Ausflügen in die Wadis der Umgebung ist die kleine davon schockiert, wie sehr wir die Welt zumüllen. Doch was bleibt von meinem Plan, es besser zu machen? Seife? Wasserkanister statt Plastikflaschen, und die Bitte um ein echtes Glas im Restaurant? Ist das alles, du Held? Was wurde aus dem Gespräch mit dem Bürgermeister und dem sensibilisieren von Kindern in der Schule? Noch nicht mal unseren täglichen Fruchtsalat ordern wir in unseren mitgebrachten Boxen. Plastik. Überall. Im Regen brennen die Müllhalden in der Wüste rund um Dahab glücklich weiter.
Ich hatte zwei Väter. Aber nur einer ist mein Vater. Die Sterne bleiben echt. Musik aus Zeiten lange vor der KI. Die Angst vor derselbigen. Das Leben. Das Sterben. Und der Schnee in der Wüste Sinai …






















Frank Woelky, Jahrgang ’73. Kitesurfer seit 1998. Seit 2006 bringe ich Kitesurfen und Webdesign auf mehrmonatigen Reisen abseits ausgetretener Pfade unter einen Hut.